A Pleasant Lie, That 2.0 |

Reverse The Waterfall

ENTTÄUSCHTE KINDERAUGEN RUHEN AUF DEM SCHUPPENBODEN

Als das Kind am nächsten Tag zur Schule ging, war der alte Schuppen weg. Nichts war übrig von den blau lackierten Holzbohlen. Der Maschendrahtzaun war einige Meter weit aufgerissen und aufgerollt. Dahinter stand ein blauer Bagger, still und starr in der nebelkalten Blauheit des Dezembermorgens. Alles war blau. Und kalt. Viele Tage hatte das Kind mit seinen Freunden in den sandigen Hügeln gespielt. Im Frühling zwischen üppigen Büschen. Im Sommer hatten sie sich mit Wasserpistolen und Wasserbomben von einem bis zum anderen Ende des unbebauten Grundstücks gejagt. Im Herbst, wenn es kälter wurde, versuchte man Höhlen in die Hügel zu graben. Schmuggler wollte man spielen und natürlich schmuggelte man Kastanien und wertvolle Schätze von zuhause, die man dort im Boden vergrub und dann am nächsten Tag für eine lange Zeit vergessen hatte. Bis man sich einmal, viele Jahre später erinnerte: Ich hatte doch mal so ein wunderschönes Kästchen von Oma bekommen. Wo ist es nur? Jetzt im Winter war man nur noch selten draußen, weil die Finger so froren. Aber Jacke anziehen war beim Spielen auch unschön. Doch jetzt war es sowieso zu spät.

Das Kind blieb stehen und in seinem Mund wurde es kalt, denn der stand schon seit einiger Zeit offen. Etwas weiter hinter den alten Bäumen, waren keine kahlen Büsche mehr. Und die Hügel waren auch keine mehr, sondern eine eingestampfte, planierte Fläche. Dort, wo einmal der blaue Schuppen gewesen war, konnte man nur noch das nackte Betonfundament auf dem Boden sehen. Die Augen des Kindes ruhten einige Zeit auf dem erhärteten Gemisch. Sand war auf dem Boden verstreut, ein paar längliche Holzsplitter und viel, viel abgesplitterter blauer Lack. Der Schuppen war den Kindern immer unheimlich gewesen. Innen war es stockfinster. Man konnte, wenn man wollte, durch ein Loch in der Seite in das kleine Gebäude gelangen. Aber eigentlich wollte niemand. Natürlich war jedes der Kinder schon einmal drin gewesen, denn es wäre ja peinlich gewesen vor den anderen zuzugeben, dass man sich fürchtete durch das winzige Loch zu kriechen, durch das kein Sechstklässler mehr passte. Innen war es nur stockdunkel und es roch äußerst muffig und nach Schimmel und außerdem könnte sich auch allerlei Getier im Dunkeln aufhalten. Spinnen oder Ratten. Nach einer sehr kurzen Zeit, kam man einzeln wieder hervor und tat kund, dass es „Drinnen“ absolut langweilig war und sehr erfreut machte man sich gemeinsam auf zu spannenderen Abenteuern.

Nun waren diese Abenteuer vorbei. Der erste Schultag nach den Ferien. Gestern Abend erst war das Kind wieder nach Hause zurückgekehrt, nachdem es die letzte Ferienwoche bei seinen Großeltern verbracht hatte. Und auf einmal war seine ganze Welt zusammengebrochen, auf dem Schulweg. Ungläubig trat das Kind einen Schritt näher an die Trümmer der Welt heran und steckte seine Finger in den aufgerollten Maschendrahtzaun. Fort war ein ganzes Königreich an Abenteuern und Geschichten, die sie auf diesem fußballfeldgroßen Feld mit seiner wild wachsenden Flora erlebt hatten. Fort waren die Millionen Kaninchen und die singenden Vögel und die sonnenden Katzen. Fort war der einzigartige Moment eines Sonnenuntergangs an einem klirrend kalten Winternachmittag. Wenn einem die Nase vor Kälte lief und die Finger nicht warm werden wollten, egal was man tat. Vorbei waren die herzklopfenden Momente, wenn man sich beim Versteck oder Fangen spielen in den zahlreichen Winkeln oder Büschen versteckte. Kein letztes Mal stürmte man jauchzend am ersten Frühlingstag in das Feld um sich von singenden Kleinstvögeln begrüßen zu lassen und diese zum Dank gleich mit lautem Gebrüll überquellender Lebensfreude zu verscheuchen. Kein einziges Mal mehr sollten die Kinder nach viel zu viel Herumwetzens im Sommer keuchend und schwitzend auf dem ausgetrockneten Boden liegen, im Kopf schon längst beschlossen habend, dass man sich sogleich mit kühlem Nass bespritzen müsse.
Von nun an würden Autos in der Hitze des Sommers grillen und ihre Besitzer würden jedes Mal fluchen, wenn sie nach einigen Stunden in die brütende Hitze eines stinkenden Autos steigen müssten. Doch was, Kind, ist dir eventuell entgangen, in der Schwüle eines stickigen Sommers?

Ein schöner warmer Tag. Eigentlich heiß. Eigentlich schwül. Aber das Leben ist schön und das Wetter konnte nicht richtiger sein. Das Mädchen ging in der Nachbarschaft entlang. Eine gute Nachbarschaft. Mit freundlichen Nachbarn. Familien. In Einfamilienhäusern. Und kleinen Nebenstraßen, die sich zwischen den Häusern hindurchquetschten. Und einem winzigen Spielplatz. Friedlich. Und doch verlogen, wie jede sittsame Familiensiedlung. Das Mädchen passte von jeher nicht hierher, denn es war ein Gossenkind. Weniger wert.

Gegenüber dem winzigen Spielplatz, auf dem sich eine Schaukel, eine Rutsche, eine Wippe, ein Sandkasten mit Katzenkot und ein Spielhaus drängten, war ein leeres Feld. Ein fast leeres Feld. Das Gras war kniehoch, und gelblich verdörrt. Der Sommer war gut. In dem kniehohen Gras stand ein alter Hühnerstall. Irgendwelche Tiere machten irgendwelche Geräusche. Sommer halt. Das verdorrte Feld und der leere Hühnerstall waren von einem Maschendrahtzaun umgeben. Inklusive des obligatorischen Lochs, durch das Kinder, Hunde und auch anderes Zeugs schlüpfen konnten, um auf das Feld zu gelangen. Nur dass kaum eines der Kinder hindurch wollte. Der Hühnerstall war ekelhaft. Es war ein kleines gemauertes Gebäude mit Holzdach und einer Tür für einen kleinen Menschen. Und einem Loch direkt neben der Tür für kleine und auch große Hühner und Hähne. Und Küken. Die Tür war aus Holz und morsch und man konnte nur noch winzigste Spuren des einstigen grünen Lacks erkennen. Die Hühnervögel waren längst auf und davon. Nur noch ihre Köpfe lagen verstreut im Felde.

Alles war beklemmend, erdrückend, schwül, heiß und feucht. Auch und vor allem der Schwanz, der sich in das Kind presste. Vor seinen Augen tanzten indigoblaue Blüten, deren zarte Ränder wie Rauch in der toten Luft aufgingen. Den Blick konnte das Kind nicht geradeaus richten. Die Stöße des Monsters verhinderten, dass sie einen Punkt in der gemauerten Wand der Hühnerhütte fixieren konnte. Sie wollte so gerne den Blick starr auf eine einzige Stelle richten, auf ein Loch im Mörtel zwischen den Backsteinen. In dieses Loch kriechen und sich im hintersten Winkel verstecken. Winzig klein sein, so dass das riesige Monster mit seinen schmierigen Wurstfingern sie nicht mehr erreichen könnte. Sie wollte so unbedingt in dieses Loch schlüpfen und nie wieder hervorkommen.
stoß, schmerz, schmerz. stoß, schmerz, schmerz. schmerz beim reindrücken, kurze erlösung, schmerz beim rausziehen, schlimmer als zehn millionen pflaster von gerade zugeheilten wunden zu reißen, schlimmer als eine ganze welt voller dornen…

Der Versuch, den Kopf still zu halten, war zu anstrengend, wenn doch eine so viel größere Macht das Kind schüttelte, wie von Sinnen. Um das ersehnte Loch im Mörtel begann sich ein schwarzer Wirbel zu bilden, eine Spirale, die das Kind von sich stieß. Sein Kopf fiel auf die Seite wo er die tote Augenhöhle eines verwesenden Hühnerkopfes berührte. Es war egal. Es roch süßlich. Nach Sommer, und Schweiß und Verwesung und dem Weltuntergang. Und die zarte Wange des Kindes schabte mit jedem Stoß an dem verwesenden Fleisch des toten Tieres entlang. Es war egal. Es war alles egal. Es sollte nur enden. Kinder wollen nicht sterben. Dieses wollte. Es verfiel in einen schockierten Zustand und die Gedanken drehten sich im Kreis, wie der Strudel an der Backsteinwand. Wie die Bilder vor dem erstarrten Auge des Kindes – erst der Anblick der abgetrennten Hühnerköpfe die friedlich verwesend im Stroh lagen, als die Welt noch in Ordnung war vor einer halben Stunde, dann Mama, die mich verächtlich ansah, ein Blick auf die grobe Hand des Monsters, die den zarten, zerbrechlichen Arm des Kindes quetschte, bis sich die Haut dunkelviolett verfärbte, an die Decke der Hütte aus unbehandeltem Holz; man konnte die Splitter sehen. Die Splitter waren nicht nur an der Decke, sie waren auch zwischen den Beinen des Kindes und an seinem Rücken und in ihrem Kopf. Der Splitter zwischen ihren Beinen war am größten und bei jeder Bewegung löste sich eine Armee kleiner Splitter von ihm ab und marschierte in das Kind ein und besetzte es. Die Tränen kitzelten im Ohr und juckten beim Trocknen an den Wangen. Die Luft konnte man nicht mehr anhalten um die Schmerzen zu unterdrücken. Das Kind schnappte nach Luft wie ein Fischchen, aber seine Brust war voller Splitter und die Luft weigerte sich, das benutzte Kind zu betreten.

Draußen schien die Sonne taghell. Das Gras war hoch und gelb und verdorrt. Es war so unheimlich gelb. Und je länger man versuchte, durch die Tür für Hühner und Hähne und Küken zu starren, desto intensiver wurde die Farbe. Irgendwann wurde sie zu einem verzehrenden Orange, dann nur ganz kurz zu einem ohnmächtigen Rot, um sich daraufhin in ein verwesendes, bleiches Schwarz zu verwandeln, wie das Fleisch einer dahin rottenden Wasserleiche, die in der Nacht an das Ufer gespült wurde. Und dann wurde das Mädchen so ohnmächtig wie das Rot, bevor es Schwarz wurde, doch seine Augen schließen sich nicht und starr riss es weiter die Augen auf und stierte auf das Feld. Seine Pupillen wiegten sich im Takt des Stoßens, während sein Geist längst an die Decke der Hühnerhütte geflohen war und dort zwischen den Splittern des Holzdaches umherirrte.

Irgendwann war die grobe Kreatur fertig. Keiner hatte gemerkt, wann er abgespritzt hatte. Vermutlich nicht mal er selbst. Eine Minute gewährte er sich noch, sich von der anstrengenden Arbeit zu erholen. Dann richtete er sich auf, so gut es ging und fummelte sich seine Hose wieder auf den richtigen Platz. Energisch zurrte er den Gürtel zu; er hatte es einfach drauf und die Hosen an. Dann musste er sich beeilen. Zwei Stunden Autobahn lagen noch vor ihm, denn er war ja nicht von hier. Er hatte richtig Glück gehabt, so schnell so leichte Beute zu finden und dann noch einen herrlichen Ort wie diesen. Das Kind, wenn es überhaupt reden würde, ja, wenn es überhaupt noch lebte, dann würde es sich sicher sowieso nicht wirklich erinnern. War ja auch ziemlich dunkel in dem verrottenden Schuppen hier. Und finden würden sie ihn eh nicht, da er ja wieder zurück in sein Kuhkaff fahren würde, wo er weiter den unscheinbaren Typen von nebenan spielte, der jeden Tag pflichtbewusst um acht zur Fabrik ging und an der Stanzmaschine arbeitete. Ja, das Leben war gut zu ihm. Zu dem Kind weniger, aber das fand er nur zum Schmunzeln. Mit dem Schuh stieß er das Mädchen an der Hüfte etwas an wie eine tote Katze, lächelte und bückte sich um den Ort durch die kleine Tür zu verlassen.

Es war so still geworden und das Schaukeln hatte aufgehört. Das gräulich-verwesende Schwarz war nun zu einem dunklen, sanften und stillen Tiefblau geworden. Die Nacht war hereingebrochen. Die Hitze war verschwunden und durch das helle Gras strich ein leichter, kühlender Wind. Ein Muskel zuckte und sofort wurde ihr gesamter Körper von einem gewaltigen, allumfassenden Schmerz erschlagen. Die letzten Stunden waren weg, aus ihrem Kopf gefressen. Nur der Schmerz war da, aber keine Ahnung, warum. Irgendwann in späten Jahren würde sich das Geschehnis wie eine schlüpfende Larve langsam aus ihrem verschütteten Gedächtnis wieder in ihr Leben zurück fressen. Aber jetzt musste sie erst wieder nach Hause. Warum war sie nackt? Alles tat so weh, jede kleinste Bewegung, selbst ein Lidschlag. Im Dunkeln konnte sie nicht gut sehen. Sie fühlte nur, dass es zwischen ihren Beinen ziepte, als hätte man sie mit flüssigem Lack übergossen, der jetzt getrocknet war. Das Blut würde sie erst zuhause entdecken. Und dann heimlich abwaschen, bevor Mutter wieder betrunken nach Hause kam und sie anbrüllte, wie jeden Abend. Das warme Wasser würde gut tun und sie würde eine ganze Weile unter dem heißen Wasserstrahl verbringen. Die Aussicht auf ihr weiches Bett rettete sie aus dem Schuppen. Im Zwielicht der Straßenlaterne warf sie noch einen Blick in die Hütte, auf den Boden, auf dem sie eben noch stundenlang gelegen hatte. Und drehte sich dann um. Morgen würde sie auf jeden Fall woanders spielen.

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