Aus gutem Grunde ‘genieße’ ich schon seit einiger Zeit nur noch wenige der deutschen ‘Qualitätsmedien’ – seien es Zeitungen, Zeitschriften, Online-Nachrichtenportale, das Fernsehprogramm oder Radiosender. Die Gründe sind mannigfaltig aber meist macht sich eine großangelegte Resignation breit, diese alle aufzuzählen – warum die Stimme gegen etwas erheben, das sich eh nicht ändern lässt?
Wenn man fragt, liest ja nie jemand die Bild.
Was mich nun doch etwas sagen lässt, ist die Erkenntnis, dass es meine Pflicht ist, selbst gegen einen übermächtigen Gegner wie den Fernsehsender RTL meine Stimme zu erheben, wenn es deutlicher nicht sein könnte, dass Menschenrechte, dass die journalistische Sorgfalt und ethische Grundregeln, dass der Artikel 1 des Grundgesetzes mit dreckigen Füßen getreten wird und es scheint, dass solch hassgepflegtes Gedankengut zum allgemein anerkannten Gedankenbild in den Köpfen der unaufgeklärten Zuschauer wird.
Versteht mich nicht falsch – die Meinungsfreiheit geht mir immer noch über alles! Jeder darf gerne seine Meinung über Gamer, über Spiele oder die Gamescom haben. Es ist nur fatal, wenn wir die ‘Berichterstattung’ denjenigen überlassen, die sich nicht an die Regeln halten – weder an journalistische, noch an menschliche. Dieser ganze pauschalisierende, vorverurteilende, diffamierende und disintegrierende Müll, der immer wieder wie mit Wasserwerfern in unsere aller Fressen gebrettert wird darf einfach nicht mehr nur alleine so stehenbleiben! Es wird Zeit, dass wir alle etwas lauter werden!
Es geht mir auch nicht darum zu beweisen, dass ich Gamer und gleichzeitig gewaschen oder gestylt oder im Großen und Ganzen als ‘hübsch’ angesehen werden kann. Im Gegenteil – ich will die Verknüpfungen auflösen. Ich bin eine Frau, ich spiele Videospiele aus mannigfaltigen Gründen. Ich habe keine Beziehung und arbeite momentan nicht, manchmal stehe ich morgens auf und trinke zum Frühstück Rum und wasche mich stundenlang nicht. Jeder, der will kann nun hingehen und dieses Verhalten, diese Situation auf die Videospiele schieben. Oder er macht sich mal die Mühe und forscht weiter, woran es wirklich liegen könnte. Aber das ist den meisten Leuten zu viel Aufwand, also tut man das, was man immer macht: Man grenzt sich selbst als besser und lebenswerter ab, indem man das Fremde, das man nicht versteht und nicht verstehen will als unsoziales Teufelswerk abstempelt und aus der gesellschaftlichen Normal-Schnittmenge rauskickt.
Worum geht es eigentlich?
Natürlich waren auf der gamescom nicht nur wunderschöne Leute, natürlich haben die meisten von uns gerochen – das bleibt nicht aus, nach langen Anfahrten bei diesem Wetter, bei Tausenden Menschen auf engstem Raum, mit all ihren Ausdünstungen und biologischen Funktionen. Wie kann man allen Ernstes hingehen und solche ‘features’ ausschließlich mit einem einzigen Event, mit einem einzigen Hobby verknüpfen?
Liegt es nicht auch im Auge des Betrachters, was schön ist? Was gut riecht? Und ist es nicht schlussendlich noch viel weniger wichtig, was ein Mensch nach außen hin darstellt? Ist es nicht wichtiger, welche Gefühle in seinem Herzen rumoren, welche Gedanken in seinem Hirn toben, welche Worte seinem Mund entschlüpfen?
Ach, fick diesen ganzen Scheiß. Innerhalb von 48 Stunden haben sich die meisten Gamer bereits zusammengeschlossen, mehrere Entschuldigungen und Stellungnahmen und eine Prüfung des RTL-Beitrags erwirkt! Ich bin stolz auf euch! Ich habe es in dieser Zeit nicht geschafft auch nur ein sinnvolles Wort dazu zu verlieren, weil ich von meinen eigenen Herzensangelegenheiten zu abgelenkt war.
Nichtsdestotrotz, meine Message bleibt bestehen:
Seid stolz auf euch selbst! Liebt euch, egal wer euch etwas anderes erzählen will! Keiner ist allgemeingültig hässlich, keiner hat nicht schon mal gestunken. Wichtig ist, dass ihr die Liebe in die Welt hinaustragt – egal, wie schnulzig und cheesy das klingen mag! Jemand verspottet euch als Versager? Geht lächelnd weg! Hebt den Kopf stolz in die Höhe! Für nichts! Habt eine große Fresse! Für nichts! Tut niemandem absichtlich weh – für nichts! Wenn ihr wollt, dass man eure Grenzen anerkennt, seht die Grenzen der anderen, auch wenn ihr die ersten sein müsst, die dies tun!
Ich habe ein Video für euch rausgesucht, das genauso wenig mit dem Thema hier zu tun hat, wie der RTL-Gamescom Bericht mit der Gamescom. Genießt ihn und die Message trotzdem!
Jeder weiß, wie frisch gemähter Rasen riecht. Jeder kennt das Geräusch eines Rasenmähers. Einige verbinden damit unangenehme Gefühle. Weil sie Heuschnupfen haben, den Geruch nicht ausstehen können. Weil sie das Geräusch nervt und am Sonntag morgen aus dem Schlaf reißt. Weil der Nachbar, der täglich Rasen mäht ein blödes Arschloch ist. Manche verbinden auch gute Gefühle damit. Ich verbinde gute Gefühle damit und ich weiß nicht mal warum. Vielleicht weil der Frühling da ist. Oder der Sommer. Weil niemand im Regen Rasen mäht. Weil ich den Geruch mag. Weil ich keinen Heuschnupfen habe. Weil ich keine Nachbarn habe, die Rasen mähen. Weil ich leider keine Nachbarn habe, die Rasen mähen – nur welche, die endlos brüllen. Gute Laune durch Rumschreien.
Manchmal habe ich Glück, dass ich mit dem, was ich schreibe genau den einen Nerv treffe, der ein Gefühl bei einem anderen Menschen auslöst. Manchmal sind das schöne Gefühle. Wehmütige. Nostalgische. Sehnsüchtige. Traurige. Rührende. Empathische. Manchmal habe ich überhaupt kein Glück. Dann gibt es nur Hass und Zorn und Ignoranz und Intoleranz und Indifferenz.
Manche wissen auch überhaupt nicht, wie frisch gemähter Rasen riecht oder wie sich der verdammte Rasenmäher anhört. Manche können nicht mal lesen. Wie erreiche ich diese?
Ich schreibe, weil ich der Meinung bin, dass ich das ganz gut kann und weil ich schon oft gehört habe, dass ich es ganz gut kann. Ganz gut ist aber nicht voll gut und es ist nicht exzellent. Vor kurzem las ich im Xing-Profil eines ehemals sehr guten Freundes sinngemäß etwas darüber, nicht nur über Potentiale zu reden, sondern sie auch zu nutzen und Ziele zu verwirklichen. Und da habe ich mich ehrlich geschämt. Ironischerweise ist der erste Absatz für diese Person ein Witz.
Jeder weiß, wie Regen riecht. Fast jeder. Ich habe ein Problem mit meinem Kopf. Genauer gesagt, mit meinem Gedächtnis. Ich kann mir Dinge nicht mal mehr für fünf Minuten merken. Besonders dann, wenn ich mich mehr denn je anstrenge, den Gedanken festzuhalten. In diesem Artikel wären bisher schon mindestens zehn betrachtenswerte Gedankengänge verbraten worden und es wäre ein extrem ansprechender Artikel geworden – aber ich stehe in der Dusche und denke: YAY! Wie geil ist das denn? Das musst du gleich UNBEDINGT SOFORT hier reinschreiben! Und dann steige ich aus der Dusche und fange an zu spülen, Zwiebeln zu schälen oder mein Telefon aufzuladen aber gottverfickt noch mal natürlich nicht zu schreiben! Ich weiß nicht, ob ein Dr. Kawashimas Gehirnjogging mir da noch helfen kann. Ich bräuchte vermutlich eine Medizin mit Gingko-Blättern. Oder ich müsste mir direkt einen kompletten Ginkgo-Hain einverleiben. Ich würde mich nicht wundern, wenn ich irgendwann vergesse zu atmen, obwohl ich mich noch so sehr bemüht habe immer daran zu denken. Vermutlich hört aber schon vorher mein Herz einfach auf zu schlagen, weil es vergessen hat, wie das geht. Ich weiß nicht, was das soll – vor etwa zwei, drei Jahren war ich noch nicht so unkonzentriert, wie das jetzt der Fall ist. Ich war schon relativ vergesslich und oft zerstreut und chaotisch – wobei es das ein oder andere gab, was sich unauslöschlich in mein Gehirn gebrannt zu haben scheint, wovon ich überhaupt nicht begeistert bin. Aber mittlerweile vergesse ich Dinge schon innerhalb von Minuten und das macht mir einige Sorgen. Und ich kann nicht behaupten, dass alles, was ich vergesse dann wohl auch nicht so wichtig war. Für das Schreiben in diesem Blog ist es beinahe essentiell und existenziell. Es kotzt mich regelrecht an, dass ich die Dinge in meinem Kopf hatte, die mir beim Denken das Herz aufgehen ließen und im nächsten Augenblick sind sie verschwunden, so als wolle mein Unterbewusstsein sie vor einer Gefahr schützen. Vielleicht will mein Unterbewusstsein sie davor schützen, dass ich sie mit euch teile. Vielleicht will mein Unterbewusstsein dafür sorgen, dass ich mich komplett cocoone, bis man mich in 200 Jahren als verstaubten Seidenraupenkokon aus meinem Bett ausgräbt.
Ja, die Stimmen sind wieder da – nicht so präsent, wie sie das vor ein paar Monaten schon mal waren, aber gelegentlich streiten sich zwei Parteien in meinem Kopf während ich daneben stehe und gar nicht weiß, wem ich jetzt zuerst auf’s Maul hauen soll, damit endlich Stille ist. Beide haben irgendwie Recht und das ist mein ganzes Dilemma in diesem Leben, immer und immer wieder. Ich stehe zwischen zwei Stühlen, es schlagen, ach, zwei Herzen in meiner Brust und es unterhalten sich (mindestens) zwei Stimmen in meinem Kopf und es nervt! Und nachdem ich das geschrieben habe, gehe ich einfach in die Küche und spüle und mache mir eine große Schüssel mit Quark und Äpfeln und denke wieder über etwas völlig anderes nach. Worüber? Ich weiß es nicht mehr! Verfickt und zugenäht! Es ist so behindert – ich möchte den ganzen Tag lachen, bahahahahaha!
Vor drei Jahren, als ich in der Tagesklinik war und mir Menschen begegneten, die schon seit mehreren Jahren krankgeschrieben waren und nicht mehr wirklich in der Lage zu arbeiten, aufgrund ihrer seelischen Erkrankung, da dachte ich mir noch insgeheim: ‘Was sind denn das für lächerliche Würste? So etwas käme für mich ja überhaupt nie in Frage! So ein Schmarotzertum! Widerlich!’ Und auch im näheren Bekannten- bzw. Kollegenkreis gab es die ein oder andere Instanz, wo ich nicht weiß, wie ich das Gefühl genau beschreiben soll… Was war es eigentlich, dieser unbändige Hass, der mich da gepackt hat? War es Neid, weil es mir auch dreckig ging, aber ich mich nicht ‘einfach hängen’ ließ?
Wie ‘leicht’ ist es denn wirklich, sich ‘einfach hängen zu lassen’? Ich habe in letzter Zeit sehr oft das Gefühl, dass mir viele meiner Freunde oder Bekannten, mit denen ich über das Internet ‘Kontakt’ habe – was man so ‘Kontakt’ nennen will – einen subtilen Brass auf mich entwickelt haben. So in etwa wie: ‘Ich muss hier arbeiten und die dumme Kuh macht sich seit Monaten einen feinen Lenz auf unsere Kosten!’ Ich behaupte keck, man muss erst in der Situation gewesen sein, um sie wirklich zu verstehen bzw. zu ‘verfühlen’. Heute (morgen vielleicht nicht) habe ich wesentlich mehr Verständnis für eine Menge Dinge, die mir in meinem Leben schon begegnet und passiert sind. Ich will nicht behaupten, dass ich auf dem Tiefpunkt meines Lebens angelangt bin, denn da geht sicher noch einiges, aber es ist der bisher tiefste Punkt auf eine Art und Weise, wie er vorher noch nicht tief war. Das ist nicht mit dem Liebeskummer von vor drei, vier Jahren zu vergleichen, wo ich fast ausnahmslos unter hormoneller Gefühlsspannung stand und eigentlich mehr sterben als leben wollte. Momentan will ich auch ab und zu lieber tot sein, aber sehr oft mischt sich eine sehr bequeme und unglaublich starke Verdrängung (Das sind diese Konzentrationsprobleme und Gedächtnislücken, die ich oben beschrieben habe.) mit einer irgendwie hoffnungsvollen Erwartungs- oder ‘Abwartungs’haltung (‘Ich werde davon ja nicht sterben und es wird sich schon eine Lösung auftun!… ?’) und so vergeht bei mir momentan jeder Tag, als wäre es eine Sekunde in irgendeinem Paralleluniversum. Ich kann unbehelligt in die Stadt gehen, weil ich mich selbst damit belüge, dass die anderen Leute da draußen alle untalentierte Würste sind und ich selbst so viel besser – nur ganz selten, dann bricht eine massive Wand von Angst auf mich ein, die mich fast wie g = 1.000 m/s² mit dem Gesicht Richtung Erdkern zieht. Generalisierte Angststörung. Schöne Panikattacken, die sich aber (noch) nicht derart auswirken, dass ich buchstäblich panikartig wie eine One-Man-Kuhstampede und herpaderp Glubschaugen in den nächsten Canyon rase, das passiert nur innerlich und nach außen scheine ich vermutlich wie die Ruhe selbst. :) Praktisch. Oder auch nicht. Manchmal liege ich auch nachts wach und kann nicht schlafen, weil ich Angst habe, dass mich jemand von draußen durch’s Fenster absnipert. Hahaha, bescheuert. Oder ich mache mein Bett besonders ordentlich, weil ich denke, dass mir sonst etwas Schlimmes zustößt, wenn ich es nicht mache… Planetarisch. Voll der Zusammenhänge.
Nun, immerhin habe ich letztes Wochenende etwas gemacht, dass mir sehr gut getan hat, obwohl ich massiv Angst davor hatte: Ich habe meine Leute in Duisburg besucht, obwohl ich eigentlich fest daran glaubte, dass man mich entweder haten oder ignorieren würde. Und dann haben sich so viele Menschen gefreut, mich zu sehen. Ich finde eigentlich gerade gar keine Worte dafür, wie gut sich sowas anfühlt, wenn andere Menschen dich mögen, obwohl du selbst dich jeden Tag extrem niederwurstest und dir jeden Tag selbst in die Fresse trittst – als wäre alles nicht schon schlimm genug, irgendwie. Aber das Wissen – selbst wenn es da ist – es kommt nie wirklich im Bauch an. Und das ist etwas, mit dem ich mein ganzes weiteres Leben leben muss.
Eigentlich wollte ich in diesem Artikel darüber schreiben, wie ich mir selbst ständig einrede, dass ich mal etwas Großartiges leisten könnte. Dass ich etwas schaffen könnte, dass meine eigene Zeit überdauert. Dann wiederum denke ich ständig, dass ich ein grässlicher Versager bin, der absolut gar nichts auf die Reihe bekommt und dass ich, wenn ich mich in meinem Umfeld umsehe, von allen vermutlich am weitesten davon entfernt bin, etwas Außergewöhnliches zu leisten. Below average. Auch wenn ich es mir so sehr wünschen würde. Aber vom Wunsch allein kommt nichts zustande. Bisher komme ich allerdings über das Wünschen und Träumen nicht hinaus. Noch nicht. Ich rede mir immer ein, dass die Zeit noch nicht reif ist. If it’s bull shit and you know it clap your hands! *clap clap* Aber statt es wirklich anzugehen, sinniere ich darüber, wie unmöglich mein Ansinnen ist und wie viel Zeit ich schon verschwendet habe. Und dann ist der Tag vorbei. Und dann ist man auf einmal tot. Huch!
Ich muss es jetzt langsam machen. Beziehungsweise: Schnell.
Und erneut ist fast ein Tag vorüber. Ein Wochenende flog vorbei. Eine neue Woche begann. Eine Nacht bricht herein.
Am Morgen des vergangenen Freitag war mir so danach, den Fernseher anzuschmeißen. Eine trashige DVD wie “Showgirls” zu schauen. Die alte Playse oder das N64 anzuschmeißen, um richtig alte, mir sehr ans Herz gewachsene Games zu zocken. Weil mein Konto noch gar nicht so tief im Dispo liegt, sagte ich mir frisch und spontan: “Kauf dir heute endlich einen neuen Fernseher und hör auf rumzuheulen! Dann wirst du auch wieder besser einschlafen können!” Zu einhundert Prozent war ich nicht überzeugt – ich hätte mir auch gern Schuhe, Jacke und Klamotten für das herbstlich freshe Hamburg zugelegt. Am Ende habe ich am Wochenende für nichts von alledem, sondern am häufigsten Geld für… Taxen ausgegeben.
Eigentlich fahre ich überhaupt nicht gern Taxi. Erinnert mich an meinen leiblichen Vater, den ich – nett gesagt – doof finde. Und es ist zu teuer. Vor allem, wenn man schon um die 50,- Euro im Monat für eine Fahrkarte des öffentlichen Verkehrsnetzes ausgibt. Ich glaube, ich bin noch nie so oft Taxi gefahren, wie hier in Hamburg. Und habe dabei immer nur freundliche Taxifahrer kennengelernt. Als ich mich bei WG-Besichtigungsterminen von Termin zu Termin hetzen musste, um schlussendlich auch noch meinen Zug zurück nach Duisburg schnappen zu können, hat der Taxifahrer während meines letzten Termins kostenfrei auf mich gewartet. Ich habe ihm zum Dank eine Packung Toffifee geschenkt. Die wollte er dann am “nächsten Donnerstag” aufmachen – es war Fastenzeit. Taxifahren ist vielleicht teuer. Aber ich kann mein Geld auch teilen. Immerhin habe ich Geld, um es zu teilen.
Am Freitag hatte ich letztendlich zu lange gearbeitet. Nach acht Uhr stolperte ich mehr, denn dass ich aufrecht ging aus dem Deichtor-Center und der weltgrößte Elektro-Fachmarkt am Hauptbahnhof schließt um diese Zeit. Genervt und desillusioniert kaufte ich mir als “Ersatz” ein Six-Pack Astra im real,- am Berliner Tor. Man stelle sich vor, wie mein Wochenende verlaufen wäre, hätte ich mein Vorhaben wahrgemacht. Kein Bier, kein Abkacken nach dem Vorglühen für eine Party, die ich nie zu Gesicht bekam, kein Geld für nette Taxifahrer, keine bescheuerten, besoffenen Nachrichten, kein Rumgeheule, keine Einsamkeit, denn der Fernseher hätte mit mir gesprochen und das Gamepad hätte meine Hand gehalten. Kein verpennter Samstag in Klamotten und Kontaktlinsen, kein Sushi vom Lieferdienst, zwei Blogeinträge im Blog und ein neues Video, ein Wochenende in verschwelgter Reminiszenz an die besoffene Jugendzeit, statt der besoffenen erwachsenen Frau mit der Illusion, dass… So viele Illusionen kann ich gar nicht aufzählen.
Obwohl ich keine sonderliche Lust hatte, nahm ich am Sonntag ein Bad und rollte meinen netten Körper in dem heißen Wasser zusammen. Später stolzierte ich über die Bahn – mit der Hilfe meines Handys und einer nicht zu übersehenden Menschenschlange davor, fand ich den Neidklub. Zwei Karten steckten in meinem Gürtel – eine liegt heute auf meinem nicht gefüllten Bierkühlschrank. Die hänge ich mir an die Wand. Ein Baileys auf Eis – hatte ich lange nicht mehr. Später hatte ich nicht mal mehr Platz, mein Glas zurückzubringen. Ein stark nach altem Achselschweiß riechender Mann, mit starker Rückenbehaarung, die oben aus seinem T-Shirt lugt, drängelt sich vor und lässt es sich nicht nehmen, beim Abgehen hier und da seinen Arm zu heben. Gut, dass ich keinen Platz habe, in Ohnmacht zu fallen. Sonst lasse ich niemanden mehr an mir vorbei – ich habe freie Sicht auf die Bühne. Die Tänzerin mit dunklem Hautton und krausen Locken, die zur Gruppierung Natalia Kills gehört, hat einen abgefuckt heißen Körper und ein wunderschönes Gesicht – sowas habe ich lange nicht gesehen, vor allem nicht in Kombination mit solchen Moves. Ganz kurz durchzuckt mich der Gedanke, dass ich mich gern auf sie draufsetzen würde. Ich lächle. :)
Kelis lässt auf sich warten – mein Körper ist aufgrund fehlender, gesunder Rückenmuskulatur kurz davor einfach zu zerbröckeln. Ich tue so, als hätte ich Platz um zu tanzen und zucke stattdessen nur mit den Arschbacken, so lange bis sich von hinten jemand sehr stark annähert. Ich möchte es vermeiden aus Versehen jemandem ein Happy Ending zu verschaffen und wackle lieber weiter mit dem Kopf, während ich die Augen leicht verdrehe. Kelis kommt auf die Bühne und sie ist es tatsächlich – eigentlich hatte ich kurzzeitig angenommen, dass das eigentlich nur ein Witz sein kann, in diesem Winz-Club. Meine Fresse – ein erstaunlich beneidenswerter Körper. Sie singt auch schön – zumindest diese Lieder, die ich nicht kenne. Die, die ich kenne singt sie atemberaubend. Als sie “Get Along With You” anstimmt – seit einer Dekade in meiner Top 10 – falte ich nur die Hände und starre hohläugig, während ich aus voller Seele mitsinge (?gröhle, kreische, brülle?). Beim Höhepunkt von “Acapella” wird mit Hochdruck Kreppkonfetti aus der Decke gepustet – mein Herz stolpert. Das ist ein für mich einzigartig schöner Moment. Auf die Musikindustrie und ihre Maschinerie, auf all das geschissen, was diese Frau menschlicherweise vielleicht falsch gemacht haben könnte – vielen Dank für deine Musik, Kelis, die mich nicht nur in 2005 vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt hat.
Glücklich – die Rücken- und Fußschmerzen vergessen – gehe ich aufrecht die sündige Meile entlang und störe mich nicht an ihrem Gestank. Es ist arschkalt und im Eingang eines geschlossenen Geschäfts neben mir sitzen zwei junge Menschen. Obdachlose Punks? Sie sehen hoffnungslos aus, wie sie mit leeren Blicken auf den Boden vor ihren gekreuzten Beinen starren. Fühlen sie die Kälte? Kriecht sie ihnen ins Herz, wie mir in dem Moment? Ich komme mir panne vor, dass ich mit meinem Strumpfhöschen und meinem Webpelzchen an ihnen auf der sin mile vorbeistöckeln kann, während ich ständig so down bin, weil ich die Welt auf meinen Schultern spüre. Ich kehre zurück in meine geheizte Wohnung, nachdem ich im Taxi mit ProSieben im Netbook nach Hause gefahren wurde (weil die Bahn Montagmorgens doch nicht mehr fährt), lege mich in mein Bett und darf unbehelligt schlafen, auch wenn es nur drei Stunden sind. Ich darf aufstehen, weil ich eine Arbeit habe. Ich darf das Taxi bezahlen, weil ich Geld habe. Ich darf eine Extra-Eintrittskarte an meine Wand hängen, weil ich Gerätschaft und Internet habe, in dem ich Karten zu Kelis-Konzerten mit Klicks gewinnen kann. (Achtung! Alliteration, alter!)
Manchmal werde ich verarscht, wenn ich zu viel Geld oder Besitztümer – oder auch mein Herz – mit anderen teile. Aber ich mache trotzdem weiter. Reverse the Waterfall.
Gerade sitze ich in der S-Bahn und fahre ziellos vor mich hin. Schräg mir gegenüber sitzt eine alte Dame. Sie hat dünnes, lichtes Haar, getönt in einem angenehmen hellen Rot. Ihr Gesicht ist schlaff und entspannt. Sie trägt einige goldene Ringe und Armbänder – ihr Regenschirm sieht hochwertig aus und selbst an seinen Spitzen sieht man es golden blitzen. Ich frage mich, ob sie wohl nach Blankenese fährt. Nach Hause, eine alte, reiche Dame, nach einem kleinen Einkauf im Alsterhaus und einem Plausch mit einer ebenso alten Freundin, die nicht das Glück hat, in Blankenese zu leben. Aber ich kann nicht ausmachen, ob sie wirklich in Blankenese lebt, oder nur alte Habseligkeiten spazieren fährt, in Erinnerung an ein besseres Leben.
Die Dame schläft zwischendurch immer wieder ein, wacht auf, schaut aus dem Fenster, schaut durch die Sitzreihen. Wenn sie die Augen geschlossen hat, schwankt sie wie ein Baum bei heftigem Wind. Ihr Gesicht ist nicht angespannt, aber sie sieht auch nicht friedlich oder glücklich aus. Ich kann nicht ausmachen, ob sie ein Gespräch als willkommene Abwechslung oder nervende Belästigung empfinden würde. Die Frau schwankt weiter vor sich hin.
Ich frage mich, ob es irgendwann eine Zeit gibt, in der man eine alte Dame fragen soll: “Entschuldigen Sie, wohin fahren Sie? Soll ich Ihnen Bescheid geben, wenn Ihre Haltestelle kommt und derweil können Sie sich beim Schlafen an meinen Rücken lehnen?”
Heute fiel einige Meter vor mir eine Frau einfach auf der Straße hin. War sie gestolpert? Nach einer Schrecksekunde liefen einige Jugendliche herbei und halfen der Frau auf, erkundigten sich nach ihrem Befinden. Das hat mich gefreut.
Maybe all’s not lost.
(Testtext.. Muss mich für zukünftiges Bloggen warmschreiben.. Wenn ich denn mein Blog mal installiert bekomme..)
Ahhhh, wie immer kommt der Zeitpunkt in meinem miserablen Leben, wenn ich in einem Strom von Menschen, die in eine Richtung pilgern ohne sich umzusehen, innehalte, hochschaue und anfange mich durch die Menge hindurch wieder zurück zu drängen. Passend zum aktuellen Thema.
Wie immer, wenn ich meine oder beginne eine Ungleichheit oder Ungerechtigkeit, eine Unausgeglichenheit zu sehen, dann bin ich in 80 % eine von den wenigen/die Einzige, die versucht die andere Seite zu beleuchten, zu verteidigen, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Es gelingt mir nie. Dennoch versuche ich es hin und wieder trotzdem. Wenngleich ich es früher viel öfter versucht habe, mit meinem Blog, aber es ist nur so viel Kraft vorhanden. Es gibt Grenzen. “There’s only so much time left in this crazy world.” Unfortunately, I’m not crumbling erb. :(
Die Menschen wollen Antworten auf ihre Warums. Und ein jeder misst sich in der (in einem menschlichen Gehirn nicht nachvollziehbaren) Weite des Universums einen beträchtlichen Wert zu. Ich auch. Gerade ich.
Ich finde es grausam und furchtbar, dass Dutzende von nord- und südamerikanischen Indianervölkern ausgerottet wurden, dass diese Kulturen zerstört wurden, von Menschen die ihre eigene Kultur für die bessere hielten, oder dass gerade in diesem Moment Menschen in Kriegen in Afghanistan und anderen Teilen der Erde von Bomben zerfetzt werden. Ich hasse Religion. Dass Kinder geboren werden um sofort wieder zu verhungern. Dass Katzen als Köder zum Haifisch-Angeln missbraucht werden. Dass Tiere für Fleisch getötet werden, dieses Fleisch nicht abgesetzt werden kann und drei Jahre später als Gammelfleisch in der Auslage des Metzgers deines Vertrauens landet. Ich finde es schlimm, dass keiner mehr um Hilfe bittet und stattdessen, das Pflegekind mit dem man nicht klarkommt, sanktioniert indem man es in der Badewanne untertaucht, bis es sein kummervolles kleines Leben aushaucht. Und dass die Pflegeeltern, so sie überhaupt zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden, dort ein passables und angenehmes Leben führen können, meist besser als so mancher, der draußen herumrennen kann um dort weiter unerkannt Scheiße zu bauen. Ich finde es schlimm, dass man sich in seinem eigenen Land oft schämen, rechtfertigen oder gar anpassen muss, weil es weder Zusammenhalt noch Dialog noch Bildung mehr gibt. Ich finde es schlimm, dass man die Natur lieber zerstört um noch mehr Fabriken und Wirtschaftsgebäude in die Erde zu stopfen, als Schulen, Sport- und Bildungszentren zu bauen. Dass alte Menschen nicht mehr in ihrer Familie friedlich bis zu ihrem Ende leben dürfen. Dass sich keiner mehr anstrengt, Beziehungen zusammen zu halten, sondern lieber den nächsten ausprobiert. Wegwerfgesellschaft. Dass Menschen Public Viewing brauchen, weil sie sonst kein Gefühl von Miteinander und Solidarität mehr empfinden oder erleben können. Ich finde scheiße, dass man heutzutage überall hinfahren kann, alles überall erleben kann. Dass man nichts mehr wissen muss, nur noch wissen, wie und wo man es findet. Weil man so viele Informationen gar nicht mehr speichern geschweige denn verarbeiten kann. Ich finde Öl im Meer scheiße. Ich finde Öl im Meer scheiße, weil das Meer groß ist und auch überall hinkann. Ich finde Öl auch in der Zapfsäule scheiße. Oder im Tank. Ich finde Ehre scheiße, wenn sie nicht mehr bedeutet, dem Schwächeren zu helfen, sondern ihn in der Luft zu zerreißen. Ich finde scheiße, wenn man nicht in der Lage ist, Schuld anzuerkennen, sich aufrichtig zu entschuldigen, es beim nächsten Mal besser zu machen oder es zumindest zu versuchen. Ich finde moderne und auch klassische Hexenverbrennungen scheiße.
Heute kann man wieder einer Hexenverbrennung zuschauen. Es brennt zwar keiner, aber es ist sicher so heiß, dass viele Beteiligte schwitzen. Man will einen Schuldigen. Man will immer einen Schuldigen und Gerechtigkeit. Man will auch, dass auf den Pappbechern in denen heißer Kaffee verkauft wird, explizit draufsteht, dass es sich um heißen Kaffee handelt, der unter Umständen Verletzungen durch Verbrühung verursachen kann. Man will, dass in der Gebrauchsanweisung einer Mikrowelle deutlich beschrieben wird, dass man damit nicht seinen Köter nach dem Baden trocknen kann. Man will in der Gebrauchsanweisung für eine Menschenmenge lesen, dass es unter Umständen zu einer Massenpanik kommen kann, bei der eventuell auch Menschen getötet werden können. Dass Menschen sich in vielen Fällen nicht an Vorschriften oder Regeln halten und dass viele egoistisch und dumm handeln und willentlich in Kauf nehmen, andere um des eigenen Vorteils willen zu verletzten. Man will lesen, dass wenn man auf Bahngleise rennt oder auf die Autobahn, dass man sterben kann. Man will lesen, dass wenn man betrunken Rampen hochklettert, dass man sterben kann, weil man wieder runterfällt. Und wenn man all das gelesen hat, dann will man trotzdem noch die Verantwortung abgeben, weil man gestorben ist, der Hund explodierte oder man sich verbrüht hat.
Die Love Parade ist keine begrenzte oder geschlossene Veranstaltung. Jeder kann kommen. Im Prinzip hätten sechs Millarden Menschen kommen können. Wer will das sehen? Viele wollen das sehen. Wir wollen nicht wirklich die Party machen, nur gucken. Je mehr kommen, weil sie es sehen wollen, desto mehr kommen um die zu sehen, die es sehen wollen, die es sehen wollen. Und wenn was Aufregendes passiert, umso besser. Man will es sehen. Dabei sein. Die Wahrheit wissen. Auf youtube sucht man nach dem Video der blutüberströmten Neda, nach 9/11, nach dem Kopfschuss JFKs, nach einem am Seil baumelndem Saddam. Es gibt keine populären Afghanistan-Videos? Mit zerfetzten Kindern? Wie langweilig. Dann rege ich mich auch nicht auf. Wir werden beim Jagen nicht mehr oft genug von Mammuts und Säbelzahntigern verletzt, daher schnappen wir mit Genugtuung jeden Fitzel unseres Ursprungs auf. Um uns zu vergewissern, dass wir selbst noch sehr lebendig sind. Wobei “sehr” hier ein ganz großes Spektrum abdeckt.
Menschen sind Menschen. Ärzte sind Menschen. Ich gehe nicht gern zum Arzt, weil keiner von denen herausfinden kann, warum ich immer Schmerzen habe. Am Ende sterbe ich, weil niemand herausgefunden hat, dass ich keine leichte Bronchitis hatte, sondern Lungenkrebs. Dann weine ich und dann will ich, dass jemand dafür bestraft wird, so lange ich im Sterbebett liege, meine eigenen Fürze rieche und mit dem Kopf unbequem auf der einzigen mir verbliebenen Haarsträhne liege. Ärzte sind Menschen, sie vergessen Scheren im Bauch und lächeln über unsere stressbedingten Wehwehchen.
Piloten sind Menschen. Sie drücken ein falsches Knöpfchen, schätzen die fluffige weiße Wolke falsch ein. Manager von Ölkonzernen sind Menschen, die die Arbeit an andere Menschen delegieren und am Ende für das Versagen der Ausführenden geradestehen müssen. Weil so viel Verantwortung auf einem Menschen allein gar nicht lasten kann und sollte. Aber Menschen haben eine Vorliebe für dicke Hosen. Halten im Winter schön warm. Henker sind Menschen, die andere Menschen umbringen. Politiker sind Menschen, die andere Menschen umbringen und nicht richtig reden können. Vor allem nicht, wenn etwas schief gelaufen ist. Menschen, sind Menschen, die die Politiker-Menschen am liebsten brennen ließen, weil Menschen Menschen totgetrampelt haben. Menschen sind Menschen, die vorbeigehen, wenn ein Penner in seiner eigenen Kotze verreckt oder ein Opa am Bahnsteig von Jugendlichen zu Tode geprügelt wird oder eine Frau am hellichten Tage in einer Einkaufspassage vergewaltigt wird. Ist sicher ihr Macker, der ihr mal ordentlich zeigt wo’s langgeht – da mischt man sich nicht ein. Menschen sind Menschen, die nach einer vierstündigen Zugfahrt mit viel Bier so angekackt sind, dass sie nicht auf’s Partygelände dürfen, dass sie einfach so lange drücken bis die Spasten da vorne den Weg freimachen. Menschen klettern an einer Wand hoch um später angeben zu können, wie klug sie waren eine Abkürzung zu finden. “Ich mache schon seit Stunden Party! Wo warst du, du Vollhonk? Hast dich unten zerquetschen lassen, ne? LOL” Ohne Handetasche, keine Competition.
Selbstgefällig. Selbstmitleidig. Auf einmal drei Millionen Facebook-Seiten erstellt um die Trauer zu teilen, über Menschen die man nicht kennt, die nicht gestorben wären, wenn sich nicht Tausende von Menschen mit dem Globalisierungsfähnchen an einem winzigen Punkt auf dieser riesigen Erde willentlich konzentriert hätten. Man wandelt auf dem Betroffenheitsflokati, hat aber vergessen im fremden Haus die Schuhe auszuziehen. Die ersten Facebook-Gruppen, -Seiten und -Veranstaltungen werden schon erstellt, da sind die Leichen noch nicht mal kalt, damit man sagen kann: Seht her – ich habe den Betroffenheitsflokati zuerst ausgerollt. Probleme, Leid, Ängste. Sie werden jetzt über das Internet diskutiert, statt in den Armen seines Partners, mit Eltern, Freunden, Lehrern oder dem Therapeuten. Wer könnte das besser sagen, als ich selbst?
19 Menschen oder mehr, die definitiv noch sehr, sehr lange in den Gedanken und den Erinnerungen ihrer Verwandten und Freunde weiterleben werden und deren Zahl ich nicht kleinreden will, aber tue. Verschwindend gering im Vergleich zu der Masse, die hätte sterben können, hätte nur ein fanatischer Irrer seinen Sprengstoffgürtel in der Menge gezündet. Verschwindend gering, betrachtet man die angeblichen Wahrscheinlichkeiten für Unfälle rund um das Gelände und die Veranstaltung selbst. Verschwindend gering im Vergleich zu all der Zerstörung von Leben tagtäglich.
Millionen, die brüllen, weil sie einen Schuldigen richten wollen, Millionen die viel besser informiert sind als alle Verantwortlichen zusammen und die solch ein Event niemals unter diesen Umständen hätten ablaufen lassen. All diese Menschen, die fröhlich dorthin gefahren sind, weil sie sich nämlich nicht die geringsten Gedanken im Vorfeld gemacht haben, deren Erwartungen enttäuscht wurden und die jetzt kreischen, dass es ja wohl völlig klar war. So wie die Menschen, die rumbrüllten, dass die Nationalelf schon in der Vorrunde ausscheiden wird und die afrikanischen Stadien alle zusammenbrechen und alle internationalen Touristen von bösen Schwarzen entführt und ausgeraubt würden. Ich will nicht sagen, dass man es erstmal besser machen soll. Weil das nämlich gar nicht geht. Kein Mensch, keine Menschengruppe, nicht mal 100.000 Polizisten und Sicherheitskräfte hätte eine mehr als zehnmal so große Menschenmenge händeln können. Kein Mensch kann zehn Menschen zurückhalten, im Notfall. Manche schaffen es nicht mal bei einem…
Aber vielleicht wäre es schön, abzuwarten. Mit den Spekulationen aufzuhören. Noch kein Seil für einen Kachelmann oder einen Türck zu knüpfen. Oder für einen Sauerland, einen Schaller, einen Rabe. Weil man aus der Ferne auch nicht beurteilen sollte oder überhaupt je angemessen kann. Vielleicht wäre es noch schöner einmal darüber nachzudenken, was ein jeder von uns selbst tun könnte. Massenveranstaltungen meiden, vor allem wenn man nur dumm glotzen will. Seinen Erste-Hilfe-Kurs wieder auffrischen. Mehr Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Jeden Tag eine gute Tat tun. Menschen unaufgefordert Hilfe anbieten. Menschen um Hilfe bitten. Nicht um jeden Preis versuchen, seine Interessen durchzudrücken. Menschen nicht durch einen Tunnel drücken, nur weil man selbst von A nach B kommen will. Gehen, wenn man sieht, dass Grenzen erreicht sind. Verantwortung übernehmen und auch mal ohne Alkohol Spaß haben. Oder Verantwortung übernehmen und seine Grenzen kennen. Oder zumindest versuchen, sie kennenzulernen. Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen. Verantwortung nicht abwälzen. Verantwortung teilen. Rücksicht nehmen. Geschehenes akzeptieren. Nicht nach einem höheren Sinn suchen. Keine Stühle auf vorbeifahrende Polizeiautos schmeißen. Menschen respektieren. Lebewesen respektieren. Andere Kinder nicht anspucken, nur weil man es kann. Regeln befolgen und nicht immer über Rot gehen, weil man sich für zu wichtig hält, um zu warten. Kaugummis nicht einfach auf den Boden rotzen. Seinen gesunden Menschenverstand nutzen. Das Herz nutzen, wenn der Verstand nicht gesund ist. Es sich eingestehen, wenn beides nicht gesund ist und Hilfe suchen. Nicht auf Kranke herabsehen. Niemandes Schwächen zum eigenen Vorteil ausnutzen. Nicht vorverurteilen. Nicht nachverurteilen. An sich arbeiten. Lächeln. Mitarbeiter gut bezahlen und sie menschlich behandeln. Auch Bäcker und Frisöre und Maler und Lackierer. Lebensmittel nur kaufen, wenn man sie auch zubereiten und essen wird. Nicht kleinlich oder geizig sein und teilen können. Mehr Gemüse statt Fleisch essen. Wieder mehr Kinder kriegen. Nicht genervt sein, wenn Kinder Krach machen. Nicht genervt sein, wenn alte Menschen in die Hose machen. Anderen etwas beibringen. Leuten nichts andrehen, was sie nicht brauchen. Zuhören. Treu sein. Trost spenden. Freude spenden. Versprechen halten, oder keine machen. Ehrlich sein oder die Fresse halten. Wieder mehr vom Ich zum Wir kommen. Wieder mehr Geld für Qualität ausgeben. Gegen Ungerechtigkeit und Unverhältnismäßigkeit kämpfen. Etwas riskieren, für die Dinge an die man glaubt. Nicht untergehen. Nicht auf sich herumtrampeln lassen. Nicht auf anderen rumtrampeln. Jemanden umarmen, damit seine Arme dich nicht mehr angreifen können. Jemanden umarmen, damit er stehenbleibt und nicht über dich hinweggeht.
Ich habe noch einen langen Weg vor mir. Komm doch mit und leiste mir Gesellschaft!
Heute bin ich dran mit Hausflur putzen. Eine extrem nervige Angelegenheit, vor allem wenn man das Gefühl hat einen völlig sauberen Flur zu putzen.
Kurzzeitig kam mir der Gedanke: “Hey, du ziehst doch eh bald aus. Eigentlich könntest du den Flur Flur sein lassen und drauf scheißen, was deine Nachbarn sagen!”
Und dann fiel mir ein, was man mir auf der Arbeit so leichtfertig unterstellt hatte: Dass ich meine Arbeit gegen Ende meiner Arbeitszeit eh nicht mehr richtig und mit der nötigen Motivation und Ambition verrichten würde. Das wäre schließlich normal.
Heutzutage scheint es NORMAL zu sein, den FALSCHEN Weg zu gehen. Sei es aus Bequemlichkeit, aus Egoismus, aus Geiz oder Gier, weil bei dem RICHTIGEN Weg nichts für einen rausspringt. Ich bin auch oft so.
Wer erinnert sich noch daran, dass er als Kind den Müll trennen wollte, egal ob es nervig war. Einfach weil es richtig ist oder zumindest so scheint. Wie oft wollte ich als Kind alle Autos aus dieser Welt verbannen und wie oft bin ich als Erwachsener aus Bequemlichkeit im Auto mitgefahren? Warum dusche ich jeden Tag so lange und so heiß, wenn ich weiß, wie viel Energie das verschwendet?
Keiner wird mir einen Orden verleihen. Keiner wird mir über den Kopf streicheln. Keiner wird mich schwungvoll in den Arm nehmen und mir einen Kuss auf die Wange drücken. Keiner wird mir ein Bündel von Geldscheinen in die Hand drücken.
Ich werde gleich den Flur putzen. Ich werde mich bemühen, meine Arbeit bis zum Schluss genauso zu machen, wie ich sie auch die letzten Jahre gemacht habe. Ich möchte andere nicht in die Scheiße reiten, nur weil der Outcome dann für mich bequemer oder besser ist. Ich will nicht sagen müssen: Ich darf mich scheiße verhalten, weil alle anderen sich schließlich auch scheiße verhalten. Ich will es nicht mal machen, um vor mir selbst zu bestehen oder mich dann besser fühlen zu können.
Ich will einfach nur den RICHTIGEN Weg gehen. Den RECHTEN Weg gehen. In einer FALSCHEN, LINKISCHEN Welt. Und wenn es nur ein Lufthauch ist, in einer Strömung die dem Drehen der Erde folgt…
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