Gestern hat es also endlich laut geknallt im australischen Dschungel. Längst überfällig, habe ich mir selbstgefällig gedacht. Doch schon während des Anschauens der außergewöhnlich langen, kaum geschnittenen Szenen bin ich wieder dazu übergegangen diese Situation, die auf den ersten Blick eigentlich gar nichts mit mir zu tun hat, auf mein eigenes Leben zu übertragen. Und ich muss sagen: Jeder von uns hat etwas mit dem Dschungelcamp und seinen Bewohnern zu tun. Ob es uns gefällt oder nicht. Eine Aussage wie “Ich schäme mich fremd!” hat meiner Meinung nach in dem Kontext nichts verloren und zeugt davon, dass viele Menschen nicht wahrhaben wollen, was unabänderlich in uns allen steckt.
Humanität vs. Realität vs. “Kannibalismus”
Viele von uns Menschen rühmen sich gerne ihres unfehlbar zivilisierten Verhaltens, ihrer achtbaren Menschlichkeit, ihrer ehrenwerten Empathie. Die Realität ist in 95 % der Fälle anders gelagert: Sobald ein Tier in der Herde krankt, zu alt oder zu langsam wird, wird es verstoßen, zurückgelassen, ausgeschlossen. Das ist kein ausschließliches Phänomen der Tierwelt – beziehungsweise deutlicher gesprochen: Immer noch zu oft hält sich der Mensch für die unumstößliche Krone der Schöpfung und versucht in seinem beschränkten Erkenntnishorizont auszublenden, dass er nichts weiter als ein weiteres Tier im Tierreich ist und dass es mit seinem Ideal der sogenannten Menschlichkeit in den allermeisten Fällen nicht besonders weit her ist. Was oft noch über das Ausstoßen und Zurücklassen eines schwächelnden Gesellschaftsmitgliedes hinausgeht, ist das rituelle kollektive “Töten” desselben – ist es die Angst durch das schwache Glied in der Kette selbst angreifbar(er) zu werden? Ist es die Angst, dass das schwache Mitglied nicht so schwach ist, wie es scheint und sich in einem letzten Aufbäumen rächen könnte und damit die Gruppe mit sich in den Abgrund reißt? Ist es eine Vorrichtung der Natur, die verhindern soll, dass sich der Träger von schwachen Genen fortpflanzt? Oder ist es doch ein Akt der Gnadentötung? Und wenn ja, aus welchem Grund? Ist es eine Selbstinszenierung der eigenen Gnaden- und Empathiefähigkeiten, die einem bei den beobachtenden und bewertenden Menschen einen Bonus verschaffen soll? Was gestern in dem Camp abging war nicht mehr nur ein Display von Sarahs verschobener Selbstwahrnehmung, sondern vor allem auch eine unglaubliche Zurschaustellung natürlichen “menschlichen” Verhaltens hinsichtlich eines in unseren Genen verankerten “Überlebenskampfes”. (Darf ich sowas überhaupt schreiben, ohne unangenehm als ein kleiner Sarrazin-Zwerg zu gelten?)
Das Problem mit den “schwachen Gliedern” – Mobbing und das Spiel mit der Macht
Ich muss zugeben, dass ich eine ganze Zeit lang selbst auf den “Anti-Sarah-Bandwagon” aufgesprungen war und mich tierisch über sie aufgeregt habe. So manches Mal hätte ich ihr auch gerne die Öhrchen langgezogen und sie so richtig angebrüllt. Im Nachhinein tut es mir leid, weil ich genau deswegen nicht besser oder menschlicher war als ein Großteil der momentan durch diese clever gecastete Reality-TV-Manipulation aufgescheuchten Konsumentenlandschaft. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Menschen, die steif und fest behauptet, sich nicht für das sogenannte Unterschichten-TV zu interessieren – wenngleich allein die Aussage, meist zuhauf in Internetforen getätigt – schon wieder davon zeugt, wie eine Gruppe von Menschen ihre eigenen Wertvorstellungen bedingungslos über die vermeintlich “schwächeren Glieder” der Gesellschaft – das sogenannte Prekariat – hebt. Sowie im gleichen Atemzug zur Schau stellt, dass sie sich eben doch für die Ereignisse oder zumindest deren Auswirkungen interessiert. Konsequent wäre die totale Ignoranz, denn nur das ist es, was dem Troll den Spaß an seiner Destruktion nimmt und nur das wäre es, was die Unterhaltungsindustrie dazu zwänge, sich über neue Unterhaltungsformate Gedanken zu machen. Da es aber nicht in der Natur des Menschen liegt, sollten wir alle uns ernsthaft fragen, was wir aus ebendiesen Formaten wie dem “Dschungelcamp” und dem Phänomen der tatsächlichen Reichweite unter der Bevölkerung lernen können. Es hilft nichts, eine Sendung nur zu verteufeln und mehr oder weniger heuchlerisch und bigott zu erklären, wie viel besser man doch selbst ist, wenn im eigenen Umfeld, in der Schulklasse oder im Büro, in der Disco, im Straßenverkehr, auf dem Amt und im Bett überall die gleichen Machtkämpfe herrschen. Auszublenden, dass es diese Probleme gibt, macht sie nicht verschwinden. Ich für meinen Teil schaue ein Format wie das Dschungelcamp um auch etwas über mich selbst zu erfahren und mit einigermaßen großem Schrecken musste ich feststellen, wie oft ich mich auch selbst in Sarah wiedererkannt habe.
Sarah wurde als junges Mädchen von den Menschen in ihrem Umkreis gehänselt und gemobbt, weil sie nicht dem allgemeinen Schönheitsideal entsprach – dem sie heute sicherlich nähergekommen ist, wenngleich dies immer noch eine Frage des Geschmacks ist. Dennoch kann ich zwei Dinge dabei absolut nachvollziehen: Dass sie nun, wo ihr Aussehen im Gegensatz zu damals einer ihrer großen Pluspunkte ist, damit kokettiert und angibt und eine gewisse “Damals war ich Dreck, aber jetzt bin ich besser als ihr alle”-Haltung an den Tag legt. Und dass sie gleichzeitig immer noch in ihren eigens aufgebauten extremen defensiven Mechanismen verfangen ist, die jedes Mal in Aktion treten, wenn sie sich ungerecht behandelt oder in die Ecke gedrängt fühlt. Mobbing und andere Stresssituationen im Kindes- und Jugendalter zerstören soziale Fähigkeiten für das ganze spätere Leben. Denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass man im Erwachsenenalter noch so viel Verständnis und Hilfe von seinem direkten Umfeld erhält, als dass man diese Mangel und Verluste wieder ausgleichen könnte. Auch ihr Mangel an Erziehung und gutem Benehmen kann ich verstehen – ist es doch oft etwas, das solche Menschen nicht aus purer Boshaftigkeit machen, sondern einfach aus Gedankenlosigkeit oder aus einer tatsächlich gefühlten “Egoismus-Berechtigung”. Man fühlt, dass man sich nach all der Scheiße, die man erlebt hat, das Recht auf etwas “gesunden” Egoismus erlauben darf. Ob dieser Egoismus dann tatsächlich eine Berechtigung hat oder dem Gemeinwohl abträglich ist, liegt im Ermessen dessen, wie viel gesunden Egoismus und wie viel Individualität eine Gemeinschaft ertragen kann. Im Dschungelcamp scheint die Schmerzgrenze da recht niedrig zu sein. Aber eben das ist, was sich in den letzten Tagen im Dschungelcamp abgespielt hat: Viele Menschen haben versucht Sarah zu helfen und sind dabei recht schnell an ihre eigenen Grenzen gestoßen – ein Spiegel der Gesellschaft. Und natürlich hat sich die Gesellschaft – wir Zuschauer – beim Blick in diesen Spiegel die Frage nicht gefallen lassen, wann eigentlich die Menschlichkeit dabei auf der Strecke geblieben ist, sondern hat erwartungsgemäß dergleichen reagiert, dass das schwache Glied der Kette im Kollektiv angegangen und zerfleischt wurde. Das Kollektiv macht dabei stark und gibt ein Gefühl von Macht. Es ist etwas delikat, das genau zu definieren.
Menschlich gesehen müsste man einen Menschen wie Sarah, der ein Opfer seines Umfeldes geworden ist, eigentlich bemitleiden und den Drang verspüren, ihm zu helfen. Dieses Mitleid schwingt aber sehr schnell in Hass und Verabscheuung um, wenn man bemerkt, dass der Mensch trotz seiner enormen Defizite im Gegenteil sogar eine enorme “Unverschämtheit” und “Uneinsichtigkeit” an den Tag legt – nicht von seinem Weg abweicht und sich nicht in die Gesellschaft einfügen und an ihre Normen anpassen will. Man empfindet eine Art “Machtungleichheit” und versucht diese durch Verbündung mit anderen gegen den “Störenfried” wieder auszugleichen, den herausstehenden Nagel mit Gewalt in das Brett zu hämmern, so dass kein Nagel weiter heraussteht als der andere. Konformität ist nicht nur in Japan ein Thema – nur hat sie hierzulande eine etwas andere Bedeutung und wird anders umgesetzt. Natürlich gibt es Grenzen und auch ich raste regelmäßig beim Gedanken an einen Menowin Fröhlich und seine Vielzahl von vergebenen Chancen aus. Der bestimmende Gedanke aber ist dabei wohl meist der Neid: “Warum muss ich mich so anstrengen, während andere alles in den Schoß geworfen bekommen und dann noch nicht mal Dankbarkeit zeigen oder etwas daraus machen?” Man ist neidisch auf die Hilfe, die anderen zuteil wird, auf die Faulheit, die nicht bestraft wird, auf den Erfolg den andere mit vergleichsweise niedrigen Anstrengungen erreichen. Man ist blind für die eigenen Errungenschaften und nicht stolz auf die Arbeit, die man selbst geleistet hat oder glücklich über die Schicksalsschläge, die einen selbst nicht anheimgesucht haben. The grass is always greener on the other side of the fence.
Es ist aber auch schwierig glücklich zu sein, in einer Zeit in der Arbeit oft wenig wert ist, oft unverhältnismäßig wenig wert und in der Nichtstun vergleichsweise einiges wert sein kann. Es ist ungerecht – das lässt sich nicht leugnen. Und daher der subtile Kampf um’s Überleben, indem man die Schwächeren Mitglieder der Gesellschaft gnadenlos basht. Um sich wenigstens auf einer metaphysischen Ebene besser und wertvoller fühlen zu können. Ein Überbleibsel der Evolution – weil heutzutage eben nicht der “Stärkere überlebt”, weil der Schwächere verhungert oder sich nicht fortpflanzt – im Gegenteil. So sind wir ungerecht, weil wir selbst ungerecht behandelt werden. So lange keiner den Zirkel durchbricht… Dog eat dog. Und irgendwann essen wir tatsächlich Soylent Green. Oder werden vielmehr dazu.
Das Problem mit der “Wahrheit”
Wer aber sagt nun die Wahrheit? Normalerweise heißt es: “Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!” Und nachdem ich mich schon furchtbar über Sarahs Vegetarier-Lüge aufgeregt und auch ihre “Ich muss jetzt mal an mich denken!”-Haltung als absoluten Brüller empfunden habe, sollte man eigentlich meinen, dass eine derartige Aussage, wie die gestern von ihr getätigte absoluter Humbug sein muss. Aus verschiedenen Gründen bin ich mir aber nicht mehr so sicher. Erstens kann ich mir nicht vorstellen, dass Sarah genügend kriminelle Phantasie und Energie besitzt, um sich eine derartige Geschichte auszudenken. Sie mag vielleicht aus egoistischen Gründen behaupten, dass sie Vegetarierin sei, damit sie keine Krokodilpimmel essen muss, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich eine Lüge ausdenkt um zurückzufeuern, sondern dass sie vielmehr die ihr gegebenen Möglichkeiten dazu nutzt – eben ein tatsächlich stattgefundenes Gespräch zwischen ihr und ihrem Widersacher. Weiterhin hat mich die Reaktion von Jay Khan ziemlich irritiert. Einerseits kann ich verstehen, dass man bei einer solchen “Ungeheuerlichkeit” erstmal ziemlich abgeht – andererseits müsste man doch eigentlich auch eine gewisse Ruhe ausstrahlen, wenn man sich seiner Sache selbst ziemlich sicher ist. Es ist schwierig das zu beurteilen, da immerhin auch ein Millionenpublikum zuschaut. Hier kann ich nur auf meine eigenen Gefühle bezüglich seiner Mimik, Gestik und seiner Stimme vertrauen und ich glaube ihm da einfach zu großen Teilen nicht. Vermutlich werden wir den genauen Hergang nie erfahren und die Wahrheit liegt in den meisten Fällen irgendwo dazwischen. Allerdings hat mich Sarahs Menschenkenntnis bezüglich der anderen Campbewohner verwundert und auch beeindruckt – in vielen Fällen, was beispielsweise Alkohol- oder Sexualprobleme angeht oder die seelische Prostitution für Geld und Bekanntheit, gehe ich nämlich mit ihr ziemlich konform und würde die Vermutungen nicht so leichtfertig abtun. Was mich wiederum dazu veranlasst hat darüber nachzudenken, wie sehr RTL tatsächlich durch screen time bestimmter Protagonisten, geschickte Zusammenschnitte und vor allem geschickte Unterlassungen meine Urteilsfähigkeit manipuliert hat. Es ist natürlich klar ersichtlich, dass vorhandene Charaktermängel um ein Vielfaches potenziert wurden, während die guten Seiten zugunsten der nach Gladiatorenkämpfen dürstenden Zuschauerschaft adrett unter den Teppich gekehrt wurden – dennoch falle auch ich jedes einzelne Mal wieder darauf herein.
RTL, Medien, Scripting, Dramaturgie und Prostitution
Natürlich ist jeder, der bei einem “DSDS”, einen “Dschungelcamp”, einem “GNTM”, einem “Big Brother”, einem “Pop Stars”, einem “Bauer sucht Frau”, einem “Rach, der Restauranttester”, einem “Frauentausch”, einem “Raus aus den Schulden”, einem “Dismissed”, [beliebige Fortsetzung der Reihe]… mitmacht, in erster Linie immer selbst schuld. Aber ist man das wirklich? Was ist mit all den Menschen, die es aufgrund ihrer geistigen Kapazitäten einfach nicht einschätzen können? Ist es wirklich beeindruckend menschlich, wie wir uns an der Dummheit und Naivität unserer Mitmenschen ergötzen um uns selbst besser und klüger fühlen zu können? Was ist mit all diesen Menschen, die im Alltag von Abzockerfirmen über’s Ohr gehauen werden, die es gar nicht darauf anlegen in der Öffentlichkeit zu stehen? Immer wieder hört man: “Ja, wer darauf heutzutage noch hereinfällt ist halt selbst schuld!” Und spielen damit gleichzeitig den kriminellen Tätern innerhalb unserer Gesellschaft in die Hände, statt die Schwachen unter uns zu schützen. Natürlich gibt es Grenzen. Nicht jeder ist fähig den Schwachen unter uns zu helfen und ihnen jederzeit zur Seite zu stehen. Das liegt daran, dass jeder von uns mit mehr oder minder großen Defiziten zu kämpfen hat. Traurig dabei ist, dass kaum jemand diese Schwächen zugeben oder dagegen angehen möchte. Schwäche von sich aus zuzugeben oder zu zeigen kann zuweilen einem Todesurteil gleichkommen. Eben weil sich blitzschnell Menschen zusammenrotten um das schwache Glied auszumustern, einzuebnen. Im Prinzip käme dem Sender hier eine Sorgfalts- bzw. Sorgepflicht über eine “Schutzbefohlene” zu. Es war grob fahrlässig einen jungen Menschen mit derart überwältigenden psychischen Problemen von seiner Dschungelgemeinde und letztendlich von der deutschen Medienlandschaft derart zerreißen und kreuzigen zu lassen. Selbst wenn in ein paar Monaten kein Mensch mehr darüber spricht – der Schaden ist getan. Und dabei gehe ich nicht mal davon aus, dass alle Begebenheiten in dieser Staffel so von einem Drehbuchschreiber vorgesehen waren: Das “Biest” hat sich losgerissen und verselbständigt – es ist von außen nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Der Quote tut das – im Gegenteil – keinen Abbruch und den Dramaturgen dürfte der gestrige Abend auch die ein oder Latte oder ein feuchtes Höschen verpasst haben.
Betrachtenswert ist auch die Frage danach, wie weit sich Menschen prostituieren sollten beziehungsweise wie weit man sie sich prostituieren lassen sollte. Immerhin nehmen wir alle die Dienste von Prostituierten in Anspruch, indem wir Fickformate wie das Dschungelcamp mit ihren Seelenstriptease-Showeinlagen verschlingen und genießen. Warum verlangt es uns nach diesen Formaten? Weil wir insgeheim immer hoffen irgendwelche Unfälle, Dramen, Missbill oder dergleichen beobachten zu können. Ohne selbst beteiligt sein zu müssen.
Die heutige Show fängt gleich an. Und natürlich werde ich sie schauen. Und versuchen weiter zu ergründen, was ich selbst dadurch lernen kann…
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Hier sind meine zwei Cent – los, strippt für mich ihr Mediennutten!
“Miau, miau, miau, miau.” sagte sie, bevor sie sich langsam und müde umdrehte um in ihren High Heels und ihrem dunklen Mantel schon bald von der Nacht verschlungen zu werden.
Wie metaphorisch-ausgelutscht. Also, nicht das “Miau!” jetzt, sondern von der Nacht verschlungen zu werden.
Heute gebe ich ein Statusupdate zu meiner Woche. Zu meinem Leben. Zu meinem Blog. Zu meiner Welt. Zu meinen Gedanken. Zu meinen Wünschen. Zu meinen Gefühlen. Zu meinen Schmerzen. Und das alles aus meiner Badewanne heraus. Die nicht meine eigene Badewanne ist, weil sie nur eine gemietete Badewanne in einer gemieteten Wohnung ist, die auf dem Planeten Erde steht, der keinem gehört und doch uns allen. Und wie viele von uns haben verlernt pfleglich, gewissenhaft und wertschätzend mit ihren Besitztümern und vor allem mit dem Eigentümer – sich selbst – umzugehen? Von den Besitztümern anderer und diesen selbigen Anderen ganz zu schweigen. Ich habe es verlernt, wenn ich es je konnte. Und dabei besitze ich das große Glück und gleichzeitig das große Missgeschick, die Freiheit zu haben (zu besitzen??) mit einem verfickt teuren MacBook in der Badewanne zu hocken um belanglose Dinge zu schreiben. Und doch wirbelt in meinem Körper immer wieder die Spirale aus Hoffnung aus meinem Bauch hoch zu meinem Herzen bis in meinen Kopf; dass ich vielleicht mit diesen Belanglosigkeiten doch etwas bewegen kann.
Warum ist “Eigentümer” ein Ausdruck für eine Person und “Besitztümer” ein Ausdruck für die Dinge? (Bitte keine Erläuterung über den Unterschied zwischen Besitz und Eigentum – dieser ist mir durchaus bekannt.)
Es ist Sonntag und im Gegensatz zu gestern sitze ich jetzt natürlich nicht mehr in der Badewanne. Diese Woche war eine furchtbare Woche für mich. Monatelang nun habe ich mir eingeredet, dass ich es schaffen kann ein glücklicher, zufriedener Mensch zu werden, wenn ich mich anstrenge, kleine Schritte gehe und fest an mich glaube. Aber ich glaube nicht an mich und ich gehe kleine Schritte, aber in alle möglichen Richtungen – nichts ist kanalisiert, fokussiert – und meine Bemühungen und Anstrengungen verpuffen in Eitelkeit. Ich möchte ein Buch schreiben, über eine einsame junge Frau, die mit ihrem Leben nicht klarkommt, mit der Welt in der sie lebt und mit den Menschen in ihrem Kopf und ihrem Herzen – aber nicht in ihrer Vagina oder ihren Armen. Die jahrelang immer nur dem einen Wunsch hinterher irrt – nicht allein zu sein, die passende Hälfte zu finden, nicht nur eine passende Hälfte, sondern viele passende Viertel, Achtel und Hundertstel. Alle verloren gegangen irgendwo in den nächtlichen Tiefen einer unsäglichen Kindheit. Wer kennt sie nicht, diese vielen dunklen, oftmals tiefschwarzen Stellen in unserer Seele – unbekannte Ängste, die sich einem nur in den unerklärlichsten Träumen offenbaren? Und wer versucht nicht, diese Löcher zu füllen indem er sich mit den Löchern der anderen umgibt oder versucht, sie im Ausleben ursprünglicher Lust wieder voll zu ficken? Man kann wohl sagen, dass ein erstaunlicher Tiefpunkt erreicht ist, wenn man auf youporn ein Video aus der Kategorie “Romantic” schaut und anfängt hemmungslos zu weinen, statt fröhlich zu masturbieren.
Und dann kamen Tage mit annähernd zwölf Stunden Arbeit. Und trotzdem war es nicht genug, wie ich gestern hörte. Ich bin zu langsam. Ich bin nicht pro-aktiv. Ich bin nicht selbstständig. Ich bin nicht klug. Ich kann keine Zusammenhänge erkennen. Ich bin begriffsstutzig. Wie ich bereits seit einigen Monaten immer wieder feststellen muss: Vieles von dem, was man mir mein Leben lang einzureden versuchte, ist nicht wahr. Und dennoch habe ich es immer geglaubt oder versucht zu glauben und versucht so zu leben, wie die anderen mich sehen. Oder wie sie es mir aus Mitleid oder anderen, sich mir nicht erschließenden Gründen vorgaukelten. Habe mich selbst unter Druck gesetzt ein völlig verzehrtes Bild von mir selbst zu leben, das mir nicht mal gefällt. Latente Versprechungen zu erfüllen, die ich selbst nie gegeben habe. Die ich nur stillschweigend akzeptierte, nachdem man sie mir oktroyierte oder ebenso stillschweigend abgerungen hatte. Ich bin für diese Arbeit nicht geschaffen und ich weiß, dass ich dringend etwas anderes machen müsste. Etwas körperliches, etwas artistisch-kreatives, etwas das anderen Menschen hilft. Etwas, bei dem ich noch weiterlernen kann. Etwas, das die Welt im Kleinen verändert um Wellen in die Große zu schlagen. Aber mir fehlt die Posse. Die Crew. Die Gang. Der Clan. Die Gilde. Das Katzenhaus. Die Homes in der Hood. Jemand muss daherkommen und die Schwarzen Löcher in meiner Seele zuficken, physisch wie psychisch, bevor sie mich völlig verschlungen haben. Aber alleine sitze ich hier, bin in keiner Disziplin wirklich gut – der nutzloseste Generalist, der einst so vielversprechend schien. Hätte es nur nicht an einem dringend benötigten Mentor gemangelt. Würde es jetzt nur nicht an der dringend benötigten Posse mangeln.
Ich gehe nicht gut mit mir selbst um oder mit der Verantwortung, auf diesem Planeten mit anderen Menschen zusammen zu leben. Ich verschwende mein Geld für Dinge, die ich nicht brauche und denke nicht langfristig und muss mich ab jetzt für den Rest des Monats von “Tütensuppe” ernähren. Dennoch lade ich Freunde zum Essen ein, gebe großzügig Trinkgeld und spende an Unbekannte und Obdachlose. Ich kaufe trotzdem fröhlich Oberteile auf denen ein großer Tigerkopf prangt, weil wir schließlich das Jahr des Tigers schreiben, der schon im nächsten Jahr des Tigers von diesem Planeten verschwunden sein wird. Auch, weil ich so ein Arschloch bin und Klamotten kaufe, deren großer Tigerkopf auf billigem Stoff von Kinderarbeitern in einem Land wie China aufgedruckt wurde. Wir sind alle schuld und alles ist ineinander verflochten. Keiner will Verantwortung übernehmen oder die Dinge ändern, weil sie so bequem sind. Ich auch nicht.
Und dann rede ich mir ein, dass ich genau so stolz und aufrecht und mutig wie der Tiger auf meiner Brust sein muss, aber einen Scheiß davon setze ich wirklich in die Tat um. Sobald sich ein Problem auftut, ziehe ich sofort die Schneckenfühler ein, die ich erst kurz zuvor so zaghaft ausgestreckt hatte. Sobald ein Mensch mir wehtut, will ich sofort ans hinterste Ende der Welt fliehen und nichts mehr mit dieser Person zu tun haben. Aber so geht das doch nicht! Nicht in dieser Hochleistungsgesellschaft. Immer wieder versuche ich, aus diesem tiefen, kreisrunden Loch herauszusteigen, das aussieht, als hätte man mit einem Apfelausstecher den Planeten entkernt. Versuche, mich mit bloßen Händen an frisch-duftender, brauner Erde und dicken, saftigen, smaragdenen Grashalmen an dieser vertikalen Wand hochzuziehen, aber alles was ich schaffe, ist mir Dreck auf den Kopf prasseln zu lassen und meine Fingernägel schmutzig zu machen. Die Wand lacht mich aus – ich habe mit meinen Händen schadenfrohe Grinsefressen und Grimassen in die Muttererde gerissen.
Für das Buch oder ein Schreibprojekt mit 1.667 Wörtern am Tag hat es dann in dieser Woche natürlich nicht mehr gereicht, obwohl ich im Groben schon weiß, wohin die Geschichte gehen soll. Natürlich hätte ich zum Schreiben die Zeit nutzen können, die ich eh schlaflos bis 0300 oder 0400 Uhr verbrachte. (Oder ich könnte aufhören diesen Beitrag zu schreiben und dabei ständig zu youtube zu wechseln oder fernzusehen…) Manchmal lag ich aber noch nicht mal schlaflos herum, sondern stöckelte mitten in der Nacht völlig geistesabwesend und kurz davor in den Caverns of Rhyme Amokk zu laufen, zu Bahnhofskiosks, nur um festzustellen, dass diese tatsächlich geschlossen waren, wie man mir kurz zuvor über “soziale Netzwerke” mitteilte. Ich wollte noch mehr Bier um noch mehr zu vergessen – aber ich bekam keines, was vielleicht gut ist. Nun musste ich ungetrunkener Dinge wieder umkehren. Um mir selbst meine eigene Unverwundbarkeit und Unantastbarkeit zu demonstrieren, lief ich mit dem sprühbereiten Pfefferspray den Parkweg hinter meinem Haus entlang, laut und schief zu meinem mp3-Player singend, wie um böse Dämonen zu vertreiben. Ich weiß nicht, welche Dämonen ich dringender vertreiben wollte – die, die mir von außen auflauern könnten, fiese Diebe und Vergewaltiger oder die eigenen erbitterten Kriegsherren und -damen in meinen Köpfen und Herzen. Manchmal würde ich sie am liebsten aus mir herausschreien. Oder diesen fiesen schwarzen Klumpen, diese schwarz-schleimige Schlange mit einem kreisrunden Mund aus spitzen, scharfen Haifischzähnen, aus dem mich mein eigenes Auge anstarrt einfach in das heiße Badewasser kotzen. Dann würde ich sagen: “Starr mich nicht so an! Verschwindest du von alleine oder muss ich dich verschwinden machen?” und würde den Stöpsel aus der Wanne ziehen um all meine Trauer und Zerrissenheit, vernichtend geschlagen nur durch meinen eigenen furchteinflößenden Blick, gurgelnd und blubbernd im Abfluss verschwinden zu sehen. Aber ich bin nicht der Rote Shanks. Und man kann Traurigkeit oder Depressionen oder Stimmen im Kopf nicht einfach auskotzen. Leider kann man sie auch nicht in Alkohol auflösen und erst dann auskotzen. -_-
In der Geschichte von der hilflosen und motivationslosen, depressiven jungen Frau soll ebendieser ein Löwe zu Hilfe kommen. Also, es wäre ja schon gut, wenn ihr überhaupt jemand zu Hilfe käme – jemand, der auch tatsächlich helfen könnte. Aber da das ja nun mal nicht der Fall ist, schafft sie sich diesen Löwen aus ihrer eigenen Vorstellungskraft. So leicht, wie man sich das vielleicht vorstellen könnte, ist das allerdings überhaupt nicht. Weil man die Stimmen ja nicht auskotzen kann – auch nicht in Löwenform. Ich kann sie vielleicht von meinen Fingerspitzen in die Tastatur sprühen, aber in einer sehr lästigen Weise ist das natürlich für das eigentliche Anliegen äußerst unanschaulich und nicht hilfreich. Der Löwe würde mir helfen, mein Leben auf die Reihe zu bekommen, indem er mich dazu zwingt, die notwendigen Dinge zu tun, die dead lines einzuhalten, meinen geregelten Tagesablauf mit mir “durchsteht”. Er würde mich beschützen, wenn in einem Teammeeting auf einmal drei Kolleginnen anfangen mich heftig zu kritisieren, geballt und erniedrigend. Er würde mit einem einzigen Brüllen die Stimmen verstummen lassen und die Abneigung und Stutenbissigkeit aus dem Raum fegen.
Ich sitze auf einem Motorrad, aber ich bringe es nicht fertig, die Maschine zu starten, egal wie oft ich den kill switch überprüfe und die Knöpfchen drücke und die Hebel umlege und den kick starter trete. Tret, Tret. Tret – Der Motor stottert nur, aber er heult nicht auf.
Vielleicht ist kein Benzin im Tank? Oder dieses Jahr doch kein Tiger (mehr)… Was ist mit einem Löwen?
Never too late? It’s never too soon rather…
Natürlich sind mir die Medien wieder zuvorgekommen. Das Traurige beim Andenken an einen Robert Enke – und so ehrbar es ist, dass seine Witwe schon kurz darauf via Interview die Depression (bei Leistungssportlern) aus der Tabuisierung holen wollte – für Robert Enke kam der gute Wille zu spät und auch ein Jahr später merke ich keine Veränderung im allgemeinen Umgang mit der Krankheit. Ich habe keine Zahlen und will auch keine dazu suchen, weil Statistiken für mich bestenfalls Sekundärliteratur darstellen. Aber es kann nicht nur um Leistungssportler und Fußballer gehen. Oder um bekannte Persönlichkeiten im Allgemeinen. Wir alle müssen umdenken. Auch in den kleinen Dingen. Gerade in den kleinen Dingen. Wir alle verhalten uns unterschwellig immer noch wie Tiere, obwohl wir alle uns so gerne Menschen und menschlich schimpfen würden. Aber sobald jemand Schwäche zeigt, keine überragende Leistung bringt, obwohl man diese von ihm erwartet, so rottet sich die Horde schnell gegen das schwache, kranke Glied in der Kette zusammen. Natürlich immer subtil und latent. Keiner von diesen “zivilisierten” Menschen würde heute ernsthaft in Betracht ziehen, eine Meinungsverschiedenheit mit den Fäusten zu klären und danach zusammen ein Bier trinken zu gehen. Leider geschieht es aber auch in den seltensten Fällen mit ehrlichen Worten. Oder fair in einem persönlichen Gespräch. Vorherrschend ist heutzutage eine gesellschaftlich akzeptierte Hypokrisie, die in den Formen von Mobbing, Bullying oder Bossing den Weg des geringsten Widerstandes bzw. des nicht-sichtbaren Konfliktes geht. Man kann jederzeit durch verschiedentliche Ausflüchte seine Hände in Unschuld waschen. Und natürlich gibt es immer auch Kollegen, die dem Aggressor aus diversen opportunistischen Gründen den Rücken stärken – wer will nicht auf der Seite des Starken, des Gewinners stehen? Wer würde es wagen, sich schützend vor den Schwächeren zu stellen, die Gefahr eingehend selbst unter die Räder zu gelangen?
Ich selbst habe nicht nur gute, sondern auch unglaublich schlechte Erfahrungen damit gemacht, offen und ehrlich mit der Krankheit umzugehen, besonders arbeitstechnisch. Weil natürlich die Arbeitskollegen – vor allem, wenn eine gut besetzte Personalabteilung fehlt – selbst nicht wissen, wie sie mit der Krankheit und soviel Offenheit diesbezüglich umgehen sollen. Vermutlich mit dem Verbergen der eigenen Schwächen und dem ständigen Vorspielen von Stärke selbst restlos überfordert, reagieren sie oftmals nicht so menschlich, wie es zu wünschen wäre, womit sich die Spirale nur noch weiter fächert.
Ich kenne das selbst von mir auch und ich schäme mich heute aufrichtig dafür, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass ich es eigentlich besser hätte wissen müssen. Besonders in der Unterstufe des Gymnasiums wurde ich selbst oft gehänselt und ausgeschlossen, aus den verschiedensten Gründen: Weil meine Mutter zu der Zeit Putzfrau war, wir nicht so viel Geld hatten, weil meine Kleidung nicht die hippste war, weil ich keine Erziehung genossen hatte, weil ich mich für andere Dinge interessierte, kein richtiges Mädchen war, vulgär und vorlaut und taktlos. Ich eben. Damals war ich durchaus so etwas wie der Klassenclown. Ich tat und sagte viele Dinge, ohne nachzudenken, war ehrlich und authentisch und erntete dafür in den meisten Fällen die Verachtung meiner Mitschüler, teilweise auch meiner Lehrer. Von diesen sah sich keiner ernsthaft dazu berufen, mich auf den rechten Weg zu bringen – zumindest nicht indem man ihn mir vorlebte. Später dann, in der Oberstufe – nachdem ich das große Glück hatte, eine Klasse wiederholen zu müssen und endlich von Menschen umgeben war, die sehr viel herzlicher und wärmer waren, als meine ehemaligen größtenteils sehr oberflächlichen Klassenkameraden – wurde ich selbst zu einem hänselnden Arschloch und pickte mir gerade die Menschen heraus, die auch Außenseiter waren – vielleicht sogar weiter draußen, als ich es je hätte sein können. Die anders waren und irgendwie komisch. Ich zeichnete demütigende Comics und versagte mich der Partnerarbeit, die der Lehrer mir aufzwang. Heute frage ich mich, ob das einen pädagogischen Hintergrund hatte – weil gerade ich diesen Schmerz hätte verstehen, viel empathischer hätte sein müssen. Aber ich verstand ihn nicht, ich war ein Arschloch und war zu sehr mit mir selbst beschäftigt. In dem Alter hätte ich schon reifer sein sollen, aber ich war es nicht, weil ich selbst so viel Bildung und soziale Kompetenz bis zu diesem Zeitpunkt nicht erfahren hatte. Heute tut es mir sehr leid, wenngleich ich es nicht mehr ändern kann. Ich kann nur versuchen, in Zukunft sensibler, herzlicher und toleranter zu werden.
Dieses Unterfangen ist ein großes, ein schwieriges, ein nicht komplett umzusetzendes Vorhaben. Und bisweilen fürchte ich, daran zu zerbrechen, weil kein Mensch nur gut, nur gerecht, nur gütig, nur aufopfernd, nur tolerant sein oder werden kann. Kein Mensch kann ausschließlich richtig handeln, immer ehrlich sein, immer Wärme und Verständnis und Fröhlichkeit vermitteln. Aber es gibt so viele kleine Dinge, die man tun kann. So unendlich viele kleine Dinge, die sich summieren. Und ich wäre so froh, wenn ich Gleichgesinnte fände – die Posse, die es sich zum Ziel setzt, die Welt zu verändern, im Kleinen. Und dann die Wellen ihre Kreise ziehen lassen, wie durch Steine, die man in einen Teich wirft, die Wellen immer größere Kreise ziehen, bis sie selbst das entlegenste Ufer erreichen. “The ripples.” – “What about them?” – “So small at first, then look how they grow. But someone has to start them.” Ich gebe mir so viel Mühe, aber ich knicke so leicht ein, wenn ich sehe, dass keiner mitzieht – dass ich Einzelkämpfer bleibe.
Vor einigen Wochen habe ich – einen Tag nach der Love Parade – einen Artikel darüber geschrieben, dass wir alle mit Schuld sind. Genauso wie beim Kauf von billigen China-Textilien. Oder beim Beauftragen von billigen Schwarzarbeitskräften für’s Häuslebauen. Aber alle wollen immer, dass jemand anderes die Verantwortung übernimmt – wie bei der Aufschrift auf dem Kaffeebecher mit dem heißen content. Es wäre sicherlich wünschenswert gewesen, wenn für den Love-Parade-Vorfall einer der “Verantwortlichen” die Größe bewiesen hätte, Verantwortung zu übernehmen, bis die Sache geklärt ist. Dafür sind Verantwortliche gemeinhin da. Ich kann aber auch verstehen, dass man die Verantwortung nicht allein übernehmen mag, wenn im Prinzip sehr viele Instanzen eine Teilschuld tragen. Wütende Mobs mit Mistgabeln und Fackeln in der Hand, die Blut für Blut sehen wollen? Was soll das? Es gibt da so eine Werbung mit einer Schulklasse, von denen einer der Schüler eine Karikatur seiner Lehrerin an die Tafel zeichnet. Als die Lehrerin verlangt zu wissen, wer es war, stehen alle nacheinander auf. Someone has to start them… Ich finde die Love-Parade-Verantwortungsfrage nicht leicht zu klären und nicht eindeutig festzulegen. Wir müssen alle aufstehen. Wir müssen vor allem alle daraus lernen. Und wenn ich alle schreibe, meine ich alle. Kriegen wir das hin? Das ist die Frage.
Ich würde mich wiederholen, wenn ich meinen Text von damals hier noch einmal in anderen Worten reinzitiere, aber vielleicht kann man es nicht oft genug sagen. Wer seinen Nächsten umarmt, kann nicht von ihm geschlagen werden. Wer ihn umarmt, kann ihn nicht auf der Love Parade zerquetschen. Wer ihn nicht umarmen mag – es reicht vielleicht schon aus, wenn wir uns nicht ständig alle absichtlich oder unbeabsichtigt durch die Gegend stoßen, nur um den eigenen Vorteil bedacht.
Run Amokk in the Caverns of Rhyme
Ich habe oft darüber nachgedacht – vor und während der Reaktivierung meines Blogs – ob ich den Domainnamen von depressivekitten.de nicht auf etwas “fröhlicheres, zutreffenderes” ändern sollte – da ich ja schließlich nun vorhabe, ein zufriedener, glücklicher Mensch zu werden und dafür zu kämpfen. Heute denke ich, dass es genau der Name ist, der mich und meinen Werdegang nicht zutreffender beschreiben könnte. Und ich gehe zu großen Teilen davon aus, dass dies auch für den Rest meines langen Lebens so bleiben wird. Auch habe ich oft überlegt, wie ich die Artikel in meinem Blog gestalten sollte: Eher allgemein gehalten, aktuelle Themen von meinem eigenen Standpunkt aus beleuchtend oder mein Leben in den Fokus rückend und wie es von der Umwelt beeinflusst wird. Die Themen wären dieselben, die Richtung der Betrachtung wäre unterschiedlich gewesen. Dann wiederum muss man bedenken, dass man Reichweite eigentlich am besten generiert, wenn man trollt, Hassreden schreibt und kontroverse Themen mit der eigenen unumstößlichen Meinung “belegt”. Die besten Besuchsraten hatte ich wohl, als ich zuletzt einfach nur noch extrem abgegangen bin um eine verlorene Liebe und viel Hinterhältigkeit zu verarbeiten. Zumindest meine ich mich an Besucherzahlen um die 200/d zu erinnern, was für so ein minderbepimmeltes Blog von einer Unbekannten ohne SEO-relevante Thematik eigentlich schon ganz nett ist.
Ich denke ich werde so weitermachen, wie ich vor dieser Drama-Aktion damals geschrieben habe. Und eventuell sind die relevanten Topics, um die sich der Content hier drehen wird Depressionen und Vereinsamung – denn das ist etwas womit ich mich auskenne, was mich zu großen Teilen ausmacht und das ist etwas, womit sich sicher sehr viele insgeheim auch auskennen oder sagen wir: von dem sie betroffen sind. Was nur kaum jemand in dieser Gesellschaft zugeben mag, weil er das Gefühl hat, dass er nicht kann oder lieber nicht sollte. Diese Themen müssen genau wie Homosexualität aus der Tabuzone geholt werden. Und es reicht nicht, es nur zuzugeben und darüber zu reden. Es muss sich etwas ändern in dieser Gesellschaft. Wir müssen wieder weg von dieser erdrückenden Hochleistungsgesellschaft in der Gewinne auf den Rücken von lebenden Menschen maximiert werden. Es gibt annähernd sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten und es werden mehr. Das kann nicht bedeuten, dass das einzelne Leben nicht mehr zählt und wertlos(er) wird. Leben sollte nicht durch Angebot und Nachfrage reglementiert werden. Und warum sich dem verführerischen Weibe Globalisierung so ohne jedes Wenn und Aber hingeben? Warum wegrationalisieren, wenn mehr Menschen auch mehr Arbeit leisten könnten? Warum das Handwerk so niederknüppeln? Warum auf Billignahrungsmittel, die gar nicht mehr richtig schmecken, umsteigen und täglich krumme Gurken verrotten lassen, weil sie nicht in den Karton passen? Warum Verantwortung auf wenige, einzelne Schultern lasten, wenn durch die richtige Ausbildung, die richtige Bildung, die richtige moralische und ethische Wertevermittlung, die richtige Kooperation, die richtige Kommunikation oder zumindest der Versuch all dessen, so viel von den Sorgen und Leiden des Einzelnen nehmen könnte?
Menschlichkeit, Solidarität… Vor kurzem sah ich ein Video von Serdar Somuncu auf youtube, das den unglaublichen Irrsinn virtueller Vernetzung besonders an einer Stelle ganz entscheidend (und für mich, als einsamem Internet-Kindchen sehr schmerzhaft) auf den Punkt gebracht hat: Soziale Netzwerke sind nicht sozial, weil es eben tatsächlich in den wenigsten Fällen die Leute auf der friendlist wirklich interessiert, ob du dir gerade die Pulsadern aufschneidest oder nach einem einsam durchsoffenen Abend an deiner eigenen Kotze erstickst. Oder einfach nur so einen Schlaganfall erleidest oder in der Dusche ausrutschst und dann erstmal ein Wochenende in deiner Wohnung vor dich hinschimmelst.
Ich liege in einem Teich und werde ununterbrochen von einem Wasserfall begraben und runtergedrückt. Die Vision ist verschwommen, die Luft ist knapp, die kleinen Händchen versuchen verzweifelt das Wasser von meinem Gesicht fernzuhalten, aber das Wasser ist stärker und drückt ohne Unterlass. Und drückt und klemmt und presst und zerrt und quetscht und prellt unerbittlich – Wasser, dieses weiche Element. Die Kraft der Arme schwindet, die Atmung setzt aus, die elektrische Gitarre begleitet Chor und Schlagzeug, die ausdruckslosen Augen starren in das Licht hinter dem Wasser, das den Himmel verspricht. Ich warte auf den Tag, an dem ich mit einer Bewegung meines Armes, mit der ruckartig nach oben gerichteten Handfläche das Wasser davon abhalten kann, weiter mein Gesicht zu penetrieren. Auf den Tag an dem mein Rücken und mein Bauch stark genug sein werden mich gegen die Übermacht des Wassers zu erheben, meine Handfläche das Wasser durchteilend. Auf den Tag an dem ich die zweite Hand dazu nehmen werde um den Strom zu trennen und zum ersten Mal die Sonne sehe, die einen Regenbogen in meine Augenwinkel zaubert. Zuletzt werde ich mich dann mit beiden Handflächen in die Höhe gestreckt, kniend darauf vorbereiten den Wasserfall endgültig zu reversieren und werde das mit einer letzten gigantischen Anstrengung auch fertig bringen. Mich zu voller Größe aufrichten, die rechte Faust in die Höhe recken, mit der linken einen Halbkreis beschreiben, die Augen schließen, den Kopf senken und in einem Moment der Stille vor einem Wasserfall stehen, der kein Wasserfall mehr ist, sondern ein Wasserstieg und die Luft wird voll sein von Tausenden und Abertausenden Wasserperlen und Tropfen, die im Sonnenlicht wie Diamanten funkeln und glitzern. That’ll be the day I Reverse the Waterfall.
Und dann kann ich sagen: “Ich liebe diese Glitzerscheiße!”
Und diese Gitarre:
Nun kann ich wohl hoffentlich guten Gewissens sagen, dass ich einen recht ansprechenden Beitrag geleistet habe für dieses Wochenende. Danke für die Fan-Post heute morgen – sie ist unersetzlich, damit ich weitermache! (Anzahl der Wörter im Text: 3773)
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