Arschtritte aus der Zwischenwelt II
I Destroy Orders.
Posted by Jean Forte | Under Danger Zones Donnerstag Dez 15, 2011
Was soll ich sagen, nach all der Zeit? Wenn das Verstecken in Spielen nicht mehr funktioniert? Wenn der Alkohol leer ist und der Zeitvertreib mit Männern nicht mehr den gewünschten Effekt hat? Wenn sich ein Fingernagel nach dem nächsten zwischen meinen Zähnen verabschiedet? Zornig starre ich die Zimmerdecke an und sie starrt grimmig zurück.
Es ist nie einfach und selten macht man etwas richtig. Ich besonders nicht. Ich dachte, wenn ich anbiete für Senioren einkaufen zu gehen, würde ich etwas Gutes, etwas Richtiges tun. Ich habe ein seltenes Talent dazu, alles falsch zu machen, während ich alles richtig mache. Oder mich zumindest so zu fühlen. Aber ich weiß, dass es wichtig ist, für sich selbst zu sorgen und seine Bedürfnisse zu erkennen, anzusprechen und – wenn nötig und möglich – auch durchzusetzen.
Ja, Frau. Ich weiß, dass du eine schwere Operation hinter dir hast. Und es war deine Entscheidung nach viel zu kurzer Zeit wieder nach Hause zurückzukehren und die Reha von dort aus zu machen, obwohl du jemanden gefunden hast, der auf deinen Hund aufpasst… Nachdem du wochenlang subtil versucht hast, ihn mir aufzudrängen. Mir, die Hunde wie die Pest hasst. Ich bin nur deine scheiß Einkaufshilfe. Not your personal army. Ich werde dich nach einer Hüft-OP nicht stundenlang an Krücken über regennasse Straßen begleiten, wegen derer ich mich früher am Tag schon selbst auf den Arsch gelegt habe. Ich bin mir ziemlich sicher – das letzte Mal, als ich nachgeguckt habe, gehörte ich noch nicht zum Mobilen Pflegedienst. Und ich habe auch keine medizinische Ausbildung – ich bin einfach nur deine ehrenamtliche Einkaufshilfe. Nicht deine Gehhilfe, nicht dein Familienersatz, weil dein Sohn wohl keinen Bock hat, sich um dich zu kümmern, niemand, den du stundenlang vollschwallen kannst, weil dir sonst niemand mehr zuhört. Wenn ich es könnte, würde ich es machen, aber ich kann nicht, ich will nicht und das war auch nicht Teil der Abmachung. Ich kann nicht ständig für jeden der seelische Mülleimer sein und eure ganzen Brocken mit mir rumschleppen. Wenn ihr Hilfe wollt, dann nehmt dankend das an, was ich euch freiwillig und ohne Gegenleistung zu erwarten geben kann, aber redet mir nicht auch noch ein verdammtes schlechtes Gewissen ein, wenn ich euch Grenzen aufsetze.
‘Na, dann muss ich wohl gleich alleine zur Bank und zum Lidl humpeln.’
Super, Frau. Ganz toll!
‘Ich glaube, Sie missverstehen mich – ich kann einfach die Verantwortung nicht übernehmen, mit Ihnen bei diesem Wetter zu Fuß nach solch einer Operation durch die Gegend zu laufen. Ich bin kein ausgebildetes Pflegepersonal.’
‘Ach, für so was braucht man doch keinen Pflegedienst!’
‘Ich strecke Ihnen das Geld sonst auch gerne vor oder falls Sie jemanden kennen, dem Sie ihre Geldkarte anvertrauen würden, damit dieser für Sie das Geld abheben kann… Aber ich kann wirklich nicht mit Ihnen bei diesem Wetter rausgehen.’
Vor allem, wenn man bedenkt, dass die kürzesten Wege unter diesen Bedingungen wohl mehrere Stunden in Anspruch nähmen…
‘Nein, meine Karte würde ich nicht mal meinem Sohn anvertrauen! Und außerdem dachte ich ja auch, dass ich Sie jetzt nach der Operation mehr in Anspruch nehmen könnte. Ich darf ja auch nichts heben und dergleichen. Ich habe doch sonst niemanden.’
Aber wie zur gottverdammten Hölle hast du dir das vorgestellt, Frau? Dass ich jetzt jeden Tag stundenlang an deiner Seite weile, auf Kosten meiner eigenen Zeit, während du mich als Wortmülleimer missbrauchst? Ich erinnere mich an eines unserer ersten Treffen, an dem du mich sechs Stunden in Beschlag genommen hast – ‘Nur kurz zum Waschsalon, die Wäsche waschen!’ An dem Abend habe ich mich hemmungslos betrunken und über Kindesmissbrauch geschrieben, weil so viel in mir aufgewühlt wurde und du so viele Worte in mich reingeworfen hast, die ich nicht wieder loswerden konnte. Ich kann es einfach nicht – darf ich denn nicht Nicht-Können???
‘Ich kann Ihnen gerne ein paar Dinge weg- oder hin- und herräumen, wenn Sie mir zeigen, was wo hin muss..?’
‘Ach, darum geht es doch nicht!’ Und seitdem das Gespräch so unangenehm hin- und hergeräumt wird, würdigt sie mich keines weiteren Blickes mehr. Ich kann nicht und ich will nicht schwach werden. Ich hätte für dich eingekauft, auch mit meinem eigenen Geld. Ich hätte Dinge für dich hin- und hergehoben, obwohl das nicht Teil der Abmachung war. Ich trinke auch gerne 20, 30 Minuten einen Kaffee mit dir und höre mir an, wie die Operation verlaufen ist. Aber ich bin nicht dein persönlicher, kostenloser Pflegedienst und auch nicht die real-life Telefonseelsorge. Ich gehe nicht mit dir über regennasse Straßen voller Laub, während du Minuten für Meter an Krücken brauchst und sehe dann zu, wie du stürzt. Es hat mir schon nicht gefallen, als du mit deiner noch nicht operierten, kaputten Hüfte auf der Anrichte herumgekraxelt bist, weil du unbedingt die Bilder umhängen wolltest. Und nicht auf mich hören wolltest, weil die Bilder zu schwer waren und einen richtig festen in die Wand gebohrten Dübel benötigen.
Ich weiß, es ist schwer alt zu werden und wieder in einen Zustand der Abhängigkeit zurückzukehren, aber du musst es so akzeptieren. Und ziehe nicht aus Trotz und falschem Stolz Unbeteiligte mit in dein Dilemma, nur weil wir zu schwach und zu gutherzig sind, uns zu wehren oder Klartext zu sprechen. Und hör’ auf Menschen für deine Zwecke zu manipulieren und ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden – ich bin mir sehr sicher, dass du sehr wohl genügend Menschen um dich herum hast, die dir helfen und dass du nur zu stolz bist, diese zu fragen. Ich habe deine Genesungskarten gesehen und ich habe – vielleicht ungewohnt für dich – zugehört, als du mir aus deinem Leben erzählt hast. Dein Sohn mag sich vielleicht nicht um dich kümmern, aber du hast viele Freunde – zumindest hast du sie so genannt. Was soll ich nun glauben?
Ich bin mir durchaus bewusst, dass gerade ich anderen Menschen besonders helfen müsste, weil ich es am lautesten propagiere und weil ich mich noch nützlicher machen sollte, als andere, aber eben auch nur unter bestimmten Voraussetzungen. Das Zusammenleben klappt sonst nicht.
Beachtet einfach die Sinnlosigkeit dieses Artikels nicht – ich versuche mir selbst einzureden, dass ich alles richtig gemacht habe und jetzt hoffentlich nicht irgendwo in einer feuchten, dunklen Straßenrinne eine Frau mit gebrochener Hüfte rumliegt. Weil ich Grenzen gezogen habe, die die Freiheiten anderer Menschen außen vor lassen.
Annahme:
wenn deine Nachricht sinnlos wäre hättest du sie nicht online gestellt.
Meine Meinung ist:
Rede wieder mit ihr, und sag ihr, dass du einfach nicht alles leisten kannst was sie fordert ohne dass a) Dein Privatleben in einem Maße zu beeinträchtigen das untragbar ist, und b) es dich überfordert.
Vielleicht auch nochmal klären welche Rolle sie Dir denn da zugedacht hat, und da auch gleich einsteigen, was einfach nicht geht.
Klare Grenzen sind, denke ich, sehr wichtig.
Ich vermute es geht euch beiden dann besser, falls du das anstrebst.
Ansonsten ist Betreuung sowieso ein harter und emotional anspruchsvoller Job.
Capture ist “pain”, kannst Du das einstellen?
Hey ya, JemandVonWoanders!
Sorry, dass ich nicht sofort geantwortet habe. Ich befinde mich derzeit in einem absoluten Motivationstief und kann mich noch nicht so recht daraus befreien.
Ich werde ihr definitiv noch mal einen Brief schreiben, um ihr alles näher zu erläutern und die Dinge auch ein bisschen aus meiner Sicht zu schildern, aber auch das verhindert mein Motivationstief bisher.
Ja, die Anti-Spam-Captchas kann ich selbst einstellen. Irgendeinen speziellen Wunsch? :)
Beste Grüße und einen Guten Rutsch, wer immer du auch bist.